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BRAUNWURZ

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Scrophularia nodosa L. - Knotige Braunwurz
Familie der Rachenblütler - Scrophulariaceae

Um es gleich vorweg zu sagen, die Braunwurz ist keine Augen- und Nasenweide. Zerreibt man ihre Blätter und Stengel zwischen den Fingern, so strömen sie einen unangenehmen, modrigen Geruch aus. Und erst die Wurzel! Ihr blaß-weißlich bis gelbes Fleisch verströmt einen fauligen Geruch, wenn man es zu Salben verarbeitet. Und giftig soll die Braunwurz auch noch sein! Doch jede Pflanze, wie jeder Mensch, hat ihre Bestimmung auf dieser Erde, und so verbirgt sich in dieser etwas dunklen und schlecht riechenden Pflanze ein großes Heilmittel. Ich habe ihre Kraft am eigenen Leib gespürt, als sie mich von einer Krankheit geheilt hat, und seither empfinde ich eine tiefe Dankbarkeit, wenn ich ihr draußen begegne oder sie zu Heilmitteln verarbeite. Sie gehört zu den vergessenen Heilpflanzen, kaum einem ist sie heute noch bekannt, und doch wurde sie schon in frühester Zeit zum Heilen hoch geschätzt. Schon Dioskurides, der berühmte Arzt des 1. Jh. n. Chr., lobt sie in seiner "De Materia Medica". Deshalb muß ich sie, wenn ich mit ihr bekannt machen möchte, etwas genauer beschreiben. Alle, die behaupten, noch nie eine Braunwurz gesehen zu haben, sind sicher schon oft an einer vorbeigelaufen. Es gibt sie nämlich noch recht häufig. Sie wächst am liebsten in Gebüschen, Gräben, auf feuchten Wiesen, an öden Plätzen. Sie treibt jedes Jahr wieder neu aus ihren Wurzeln, und die Stengel erreichen eine Höhe bis zu 1,20 m. Diese etwas starren Stengel sind genau viereckig geformt. Es ist leicht zu erfühlen. Daran kann man die Knotige Braunwurz von der Geflügelten Braunwurz (Scrophularia umbrosa oder Scrophularia alata) unterscheiden. Diese hat, wie ihr Name schon verrät, einen geflügelten Stengel. Nein, ganz so braucht man sich dies nicht vorzustellen, diesen leicht übertriebenen botanischen Ausdruck, es sind nur ganz kleine Flügelstreifen, die entlang der Seitenkanten des Stengels laufen.
Dann gibt es noch eine Braunwurz, die am liebsten an feuchten Plätzen wie Tümpeln, Uferrändern und überschwemmten Wiesen wächst. Zum Heilen wird nur die Knotige Braunwurz verwendet, die man früher als Braunwurzmännlein ansah, im Gegensatz zum Braunwurzweiblein, der Wasserbraunwurz. Die Knotige Braunwurz trägt länglich-eiförmige Blätter. Sie ähneln in ihrer Form und Größe den Brennesselblättern, ihre Oberfläche ist jedoch glatt. Sie stehen streng kreuzständig am Stengel: je zwei genau gegenüber, im rechten Winkel zum darüber- und darunterstehenden Paar. Die Farbe der Blätter ist dunkelgrün mit dem typischen Schuß Schwarz, wie er allen Saturnpflanzen zu eigen ist.
Die Blüten der Braunwurz sind wirklich etwas Besonderes, denn es gibt wenig Blumen, die braune Blüten tragen. Die der Braunwurz sind braun-violett. Wenn man sie mit einer Lupe betrachtet, erkennt man noch mehr ihre faszinierende Form und Farbe. Wie aufgeblasene Schlunde sind sie geformt, die sich zu einem zweilippigen Mund öffnen. Die Oberlippe teilt sich in zwei, die Unterlippe in drei Lappen. Diese Blütenform ist der Wespe, dem Tier, das die Bestäubung besorgen soll, angepaßt. Diese spezielle Form der Blüten haben der Familie, zu der die Braunwurz gehört, einen aufregenden Namen verliehen: "Rachenblütler". Weitere "rachenblütige" Pflanzen sind die Königskerze (Verbascum thapsiforme), der Frauenflachs (Linaria vulgaris), der Fingerhut (Digitalis grandiflora), der Ehrenpreis (Veronica officinalis), der Klappertopf (Rhinanthus minor), der Augentrost (Euphrasia officinalis), die Schuppenwurz (Lathraea squamaria) und das Gottesgnadenkraut (Gratiola officinalis). Sie alle haben solch eigenartig schöne Blüten wie die Braunwurz, meist jedoch wirken sie freundlicher als die dunklen Schlunde dieser Pflanze: die strahlenden Sonnenaugen der Königskerze, die unschuldig blauen Äuglein des Ehrenpreis, die lustig zwinkernden Blütenkleckse des Augentrost. Am attraktivsten jedoch wirken die getigerten, purpurfarbenen Rachenblüten des roten Fingerhuts. Der Fingerhut enthält sehr viel Glykoside, herzwirksame Stoffe, wie auch die Braunwurz (allerdings in sehr geringen Mengen). Deshalb gilt die Braunwurz als schwach giftig, da sie, in zu hoher Konzentration eingenommen, das Herz zu stark anregt und unerwünschte Nebenwirkungen erzeugt. Die hohe Konzentration von Glykosiden im Fingerhut machen diesen zu einer gefährlichen Giftpflanze und gleichzeitig zu einem großen Heilmittel. Die meisten der heute in der Arztpraxis verschriebenen Herzmittel beinhalten Fingerhutglykoside in standardisierter Form.
Beim Fingerhut und in weniger bedeutendem Maße bei der Braunwurz erkennen wir, wie nahe Gift und Heilmittel beieinanderliegen. Nur die richtige Dosis entscheidet in die eine oder die andere Richtung. Diese alte Weisheit hat Paracelsus (1493-1541) in die noch heute vielzitierten Worte gefaßt: "Alle Ding sind Gift und nit ohn Gift, allein die Dosis macht, daß ein Ding kein Gift ist. "
Deshalb ist es für Pflanzenheilkundige so wichtig, die richtige Anwendungsart und Dosis einer Pflanze zu wissen. Selbst eine "harmlose" Kamille kann schädlich werden, wenn man sie im falschen Maße übermäßig konsumiert. Bei einer Überdosierung treten oft Umkehrwirkungen ein, und eine Pflanze kann genau die Krankheit erzeugen, die sie heilen soll. Deshalb darf auch eine ungiftige Pflanze nicht länger als 6 Wochen intensiv angewendet werden. Ist die Krankheit nicht behoben, sollte man es mit einer anderen Pflanze versuchen.
Kehren wir wieder zu unserer Braunwurz zurück. Anscheinend ist sie früher auch für magische Zwecke verwendet worden. Davon erzählen ihre alten Namen: Hexenkraut, Nachtschatten, Rauchwurzel. Man hat sie als Amulett gegen Verzauberung gebraucht.
Hieronymus Bock deutet dies in seinem Kräuterbuch (1577) an:
"Die Weiber binden die Braunwurzel dem vihe an / vertreiben Maden un Würm darmit / treiben seltsame superstition mit
gedachter Braunwurtz. "
Näheres scheint er darüber auch nicht in Erfahrung gebracht zu haben. Für die weiteren alten Namen der Braunwurz, Rotharnkraut und Saukraut, ist es' nicht schwer, eine genauere Erklärung zu finden. Man hatte nämlich beobachtet, daß der Genuß von Braunwurzeln bei dem Weidevieh Blutharnen verursacht. Wir wissen heute, daß dies durch die hohe Konzentration von Saponinen in der Braunwurz verursacht wird. Und den deftigen Namen " Saukraut" erhielt diese Pflanze, weil sie als gutes Mittel zur Heilung der Räude bei Schweinen galt.
Aber jetzt möchte ich verraten, für welche Krankheiten beim Menschen man die Braunwurz früher und heute verwendet, damit ihr auch alle den unangenehmen Geruch und das schlechte Aussehen " verzeiht". Das Geheimnis ihrer Heilkraft können wir leicht lüften, wenn wir ihre Wurzel, nach der ja die ganze Pflanze benannt ist, aus der Erde heben.
Wie die alten Kräuterheilkundigen immer wieder versicherten, ist die Wurzel der wirksamste Teil der Pflanze. Diese ist ein knollig-verdickter Wurzelstock, aus angeschwollenen aneinandergereihten Knollen zusammengesetzt. Außen ist sie dunkelbraun, ihr Wurzelfleisch ist weiß-gelblich gefärbt. Diese Form der Wurzel entspricht im menschlichen Körper den aneinandergereihten Lymphknoten. Dies war für unsere Vorfahren ein Zeichen, das Gott dieser Pflanze gegeben hat, damit die Menschen ihre Bestimmung erkennen. Und wirklich, die Braunwurz hat sich seit sehr langer Zeit als ein Heilmittel für geschwollene Drüsen erwiesen. Sie wirkt auflösend auf die gestaute Lymphflüssigkeit, behebt den Stau und läßt die geschwollenen Drüsen abschwellen. Sie wird vor allem verwendet bei geschwollenen Mandeln (scrophula = lat. Halsgeschwür), bei Verdickungen der Lymphgefäße im Bereich der weiblichen Brust und der Genitalien.
Die Alten erkannten in der Braunwurz eine Beziehung zu Saturn wegen ihres düsteren Aussehens, ihrer strengen Ausstrahlung und gleichzeitig zur Venus, vielleicht wegen des weißlichen, schwammigen Wurzelfleisches. Der Saturn steht für die zusammenziehende, verhärtende Kraft. Der Venus sind im menschlichen Körper das Drüsensystem, die Geschlechtsorgane, die Haut, Blase und Nieren, das venöse System zugeordnet. Aus dieser Kombination könnte man sich ableiten, wofür diese Pflanze ein Heilmittel ist: für verhärtete Drüsen wie Mandeln, Schilddrüse, im Bereich der Genitalien, der Brüste, zur Anregung und Stärkung der Blase und Nieren und bei Hautkrankheiten.
Die Wurzelgräber boten früher neben Angelika-, Beinwell-, Blutwurz-, Bibernellwurzeln sicher auch die Wurzel der Braunwurz in ihren Kraxen und Körben zum Verkauf an. Wie es scheint, wurden in früheren Zeiten vorwiegend die Wurzeln der Pflanzen zu Heilzwecken gesammelt. In der " Arzneikunde" des Dioskurides, dem griechischen Militärarzt, tätig im Rom des 1. Jahrhunderts n. Chr., werden von den ca. 600 pflanzlichen Heilmitteln der größte Teil als Zubereitung aus der Wurzel empfohlen. Die Kräuterbücher wurden deshalb Wurzelbücher genannt. " Rhizomika", die Heilpflanzenkundigen, bezeichneten ihren Stand als " rhizotomoi" (rhiza = Wurzel, temnein = schneiden). So standen die berufsmäßigen Wurzelgräber des Mittelalters in einer langen

Tradition. Sie durchstreiften die Wälder und Auen, sammelten Wurzeln und Pflanzen und verkauften diese von Haus zu Haus ziehend oder auf Jahrmärkten. Die Kräuterfrauen mit ihren großen Kraxen und Körben voll Kräutern und Wurzeln, die ich manchmal wie ruhende Pole im brandenden Gedränge vor dem Haupteingang eines großen Münchner Kaufhauses sitzen sehe, erscheinen mir wie ein letztes Relikt aus der Zeit der Wurzelgräber und -gräberinnen. Da sitzen sie in all dem Gedränge und Gehetze in bunte Dirndel gezwängt, mit Kopftüchern und roten Nasen. Aber wenn ich sie nach den Wurzeln von Engelwurz, Blutwurz oder Braunwurz fragen würde, dann erhielte ich sicher einen unverständigen Blick, oder vielleicht würden sie mir die einzigen Wurzeln, die sie führen, den Meerrettich verkaufen wollen.

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