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BRENNESSEL

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Urtica dioica L. - große Nessel Urtica urens L. - kleine Nessel Familie der Nesselgewächse - Urticaceae

""Das Kraut kenn ich""sagte der Teufel und setzte sich genüßlich in einen großen Brennesselbusch, gleich hinterm Haus. " Dieser Spruch aus dem Kräuterbuch des Dodonäus, im 16. Jahrhundert aufgeschrieben, paßt so richtig zu unserer Vorstellung von der Brennessel. Beißend und stechend, dunkel und abweisend, meist zu kleinen Heeren vieler rauhbeiniger Brennesselkrieger zusammengerottet, so steht sie da, als wolle sie sagen: "Komm mir bloß nicht zu nahe. " Als Unkraut abgetan, lassen wir sie auch meist in Ruhe, sie auszurotten haben wir (zum Glück) nie geschafft.
Verwunderlich nur, daß so bekannte Größen des Altertums wie Horaz und Ovid die Brennessel besungen haben, der griechische Naturphilosoph Phanias ihr zu Ehren ein ganzes Buch schrieb, der römische Dichter Catull die Brennessel in einem Gedicht hochlobte, Hieronymus Bock an den Anfang seines Kräuterbuches diese Pflanze setzt, ja alle alten wie neueren Heilpflanzenkenner sie ganz besonders als starke Heilpflanze hervorheben. Ausgesprochen unverständlich erscheint uns, wenn Albrecht Dürer auf einem Bild die Brennessel in die zarten Hände eines Engels legt, damit er dieses Unkraut zum Thron des Herrn hinaufbringe. Es brennt uns förmlich in den Fingern!
Lassen wir uns doch auf dieses brennende Abenteuer ein, versuchen wir herauszufinden, warum gerade ein Teufelsunkraut in den Himmel gehoben wird. Wir brauchen nicht weit zu gehen, um auf die nächste Brennessel zu stoßen. Gleich am Haus, selbst in der größten Stadt, auf einem winzigen übriggelassenen Stückchen Erde hat sie Fuß gefaßt. Und da machen wir schon die erste ungewöhnliche Entdeckung. Diese Pflanze, die so sehr auf Distanz bedacht ist, läuft dem Menschen _ geradezu nach. Wo immer wir uns niederlassen, bei allen menschlichen Siedlungen, in der Stadt, auf dem Land, bei Bauernhöfen, nahe der verlassensten Hütte in den Bergen, da finden sich die Brennesseln ein. Selbst dort, wo Siedlungen schon längst wieder aufgegeben und von Gras überwachsen sind, stehen noch die Brennesseln und zeigen an, "hier haben einmal Menschen gewohnt". Sie finden sich besonders ein an solchen Plätzen, wo wir unsere Abfälle und Ausscheidungen hinterlassen haben, wo der Boden von Urin oder Jauche getränkt ist, hinterm Haus neben der Güllegrube. Die Brennesseln scheinen mit einem Zuviel an Harnstoff umgehen zu können. Auch dort, wo wir es aufgaben, den Boden zu bearbeiten, wo wir alles durcheinandergebracht haben, auf Schuttplätzen, Kahlschlägen, hinterm Haus in einer Rümpelecke zwischen der verrosteten Gießkanne und alten Brettern haben die Brennesseln

sich ausgebreitet. Sie überwuchern und übernehmen den Platz. "Vorsicht Baustelle, wir bringen ins Gleichgewicht, was ihr zerstört habt. "
Jetzt sind wir schon der ersten guten Tugend dieses Teufelskrautes auf der Spur. Die Brennesseln können heilend auf das Bodengeschehen einwirken. Mit ihren langen, weitverzweigten Wurzeln erschließen sie die Erde für neue Humusbildung. Die abgestorbenen Brennesseln bereichern den Boden mit ihrem hohen Gehalt an Mineralien. Das Übermaß an Stickstoff im Boden wird umgewandelt. Wir können diese Kräfte der Brennessel ganz gezielt im Garten verwenden. Unter Obstbäume gepflanzt, vermehren sie deren Ertrag, neben aromatischen Kräutern erhöhen sie Duft und Aroma dieser Pflanzen. Als ob sie es von Anfang an gewußt hätte, daß der Mensch um sich herum soviel zerstören wird, als ob sie einen geheimen Auftrag erhalten hätte: "Halte dich an die Menschen, folge ihnen auf Schritt und Tritt, ordne, heile, aber hüte dich vor ihnen; denn wenn sie einmal deine große Nützlichkeit erkannt haben, könnten sie dich in ihrer Gier ausrotten. " So folgt uns dieser hilfreiche Pflanzengeist in der Verkleidung eines beißenden, brennenden und unansehnlichen Unkrauts. Und bis jetzt hat alles geklappt; hätte sich die Brennessel nicht immer so standhaft gewehrt, vielleicht wäre sie jetzt vom Aussterben bedroht, denn sie ist uns für so viele Dinge nützlich: Im Frühjahr bietet sie sich an als gesunde und schmackhafte Nahrung, mit ihren Wurzeln und Blättern kann man Wolle und Stoffe färben, die zähen Fasern der Stengel können zu Stoffen verarbeitet werden. Im Mittelalter wurde die Brennessel sehr viel zur Herstellung des Nesselstoffes verwendet. Wer heute in einem Geschäft jedoch Nessel kauft, erhält einen aus Baumwolle gefertigten Stoff. Zur Gewinnung von Chlorophyll wird heute hauptsächlich die Brennessel verwendet, denn sie enthält diesen Stoff in besonders reichem Maße. Nachdem wir nun soviel Gutes von ihr gehört haben, sollten wir uns die Mühe machen, sie noch einmal genauer zu betrachten. Wir werden dann die Zusammenhänge verstehen, weswegen die Alten sie als große Heilpflanze geschätzt haben.
Wir machen fast alle mit der Brennessel Bekanntschaft in Verbindung mit den juckenden und brennenden Ausschlägen oder nur einzelnen Bläschen auf unserer Haut, nachdem wir ihr zu nahe gekommen sind. Beginnen wir also unsere Studie an diesem Punkt. Was ist es eigentlich, was an der Brennessel so brennt? Darüber hat sich Plinius schon im 1. Jahrhundert n. Chr. den Kopf zerbrochen: " Merkwürdig ist, daß ohne irgendeinen Stachel die Wolle (der Nessel) selbst Schaden bringt und daß durch eine noch so leichte Berührung Jucken und alsbald einem Brandmale ähnliche Blasen entstehen. " Wir sind heute ein bißchen gescheiter, wenn wir unser Auge mit einem Mikroskop bewaffnen. Dann erkennen wir, daß die vielen Haare, die die Brennesselpflanze überziehen, auf ihrem gläsernen, hohlen Körper ein kleines Köpfchen befestigt haben. Dieses bricht bei der kleinsten Bewegung ab, die Spitze des Haares bohrt sich in die Haut, ein ätzender Saft fließt in die Wunde und erzeugt Jucken und Brennen auf der Haut. Wir verspüren ein Gefühl der Hitze. " Diese Pflanze enthält besonders viel Feuer(element)" würden die Alten sagen. " Die Qualität ist warm und trocken im dritten Grad."
Mit etwas Geschick schaffen wir es, eine Brennessel auszugraben, ohne allz sehr "gebissen" zu werden. Wir stoßen auf das weitverzweigte Netz aus dünnen Wurzelarmen. Immer wieder schickt die Mutterpflanze einen neuen Sproß daraus nach oben. Er färbt sich zuerst purpur, um dann einige Zentimeter über dem Erdboden grün anzulaufen. Auch schon der kleinste Brennesselsproß trägt die "gefährlichen" Haare.
Falls wir beim Ausgraben nur eine einzige Pfahlwurzel zutage gefördert haben, so machen wir jetzt sicher die intensive Bekanntschaft mit der kleinen Nessel, auch Eiternessel genannt. Sie bleibt kleiner als ihre große Schwester, die große Nessel, Urtica dioica. Sie ist einjährig, während die große Nessel eine mehrjährige Pflanze ist. Sie trägt kleinere, rundlich grünglänzende Blätter im Gegensatz zu den länglichen, stumpfgrünen Blättern der großen Nessel. Die kleine Eiternessel ist eine richtige Giftnudel, sie sticht und brennt viel mehr als ihre große Schwester; denn sie ist völlig mit Brennhaaren überzogen, während die große Nessel zum Teil auch ganz normale, nicht stechende Haare trägt.
Die Blätter der Nesseln reihen sich, einer strengen Ordnung gemäß, am Stengel auf. Je ein Blattpaar bildet mit dem vorhergehenden ein Kreuz. Man kann diese Anordnung besonders gut erkennen wenn man sich über eine Pflanze stellt und sie von oben betrachtet. Die Brennessel legt keinen Wert auf besondere Blütenpracht; wer kennt schon die unscheinbaren Brennesselblüten? Hier in der Blüte taucht noch einmal das Purpur auf, das wir von den jungen Sprossen schon kennen. Die kleine weibliche Blüte trägt einen purpurfarbenen Haarschopf. Die große Brennnessel ist eine zweihäusige Pflanze (dioica = zweihäusig), deshalb finden wir Pflanzen mit nur weiblichen und welche mit nur männlichen Blüten. Die männlichen Blüten sind zu kleinen vierstrahligen Sternchen geformt, die vier Zacken sind vor der Stäubung nach innen aufgerollt. Sie öffnen sich auf Wärmereiz ruckartig, um eine Blütenstaubwolke in die Luft zu stäuben.
Die Früchte der Brennesseln fallen leicht ins Auge, sie bleiben lange an den Stengeln hängen, auch wenn diese im Herbst schon alle Blätter verloren haben. Sind die Blüten der Brennessel auch nicht so bunt und auffallend wie bei manch anderen Pflanzen, so kommt sie schließlich doch noch zu leuchtender Farbe. Die Brennessel unterhält eine intensive, Beziehung zu drei ganz besonderen Schmetterlingen. Tag-Pfauenauge, kleiner Fuchs und der Admiral umschwärmen die Brennessel eifrig. Sie scheinen diese Pflanze den bunten Blumen vorzuziehen. Sie legen ihre Eier auf die Brennessel, und die geschlüpften Raupen ernähren sich ausschließlich von Brennesselblättern.
Nachdem wir jetzt die Brennessel von unten nach oben, bis zu ihrem "fliegenden" Blütenteil betrachtet haben, können wir versuchen, daraus Schlüsse zu ziehen auf ihr Pflänzenwesen, auf ihre Bestimmung und Heilkraft. Die Brennessel trägt ganz deutlich das Siegel des Planeten Mars. Marspflanzen sind zäh, widerstandsfähig, vital, haben scharf ausgeschnittene Blattränder, spitze Stacheln, wenig Schleim und Wasser, dafür aber oft beißende und ätzende Säfte. Dem Planeten, wie dem alten griechischen und römischen Kriegsgott Mars, ist das Eisen als das Metall des Krieges zugeordnet. Die entsprechende Farbe ist das Blutrot. Der Kriegsgott Mars wurde später mit dem Teufel identifiziert, und daraus erklärt sich die vermutete Liebe zwischen der Brennessel und dem Teufel, von der viele Sprüche und Reime künden.
Als Marspflanze kann die Brennessel unserem Körper einen starken anregenden und erwärmenden Reiz geben. Da sie außerdem noch besonders gut mit Harnstoff und Abfallstoffen umgehen kann (siehe Standort bei Jauchegruben und Klohäuschen), ist sie

eine ideale Pflanze zur Behandlung von Rheuma und Gicht. Sie kann dem Körper helfen, angestaute Giftstoffe, die sich in Gelenken, Muskeln und Blut befinden, loszuwerden. Die beste Brennesselkur bei Rheuma sind Abreibungen mit der frischen Pflanze - eine Marstherapie, bestimmt nichts für Zimperliche
Eisen, das "Metall des Mars", findet sich in besonders hoher Konzentration in der Brennessel. Im menschlichen Körper kann diese Pflanze die eisenproduzierenden Organe anregen und ihm außerdem Eisen zuführen. Auch die Farbe dieses Planeten, das Blutrot, hat ihre Entsprechung in der Heilkraft der Brennessel. Sie ist eine unserer besten Blutreinigungspflanzen. Besonders im Frühjahr, wenn der Körper vom Winter voll Schleim ist, die Frühjahrsmüdigkeit die Aktivitäten lähmt, im Monat des Mars, dem März, ist eine Reinigungskur mit der Brennessel besonders wertvoll. Bleichsüchtigen, blassen Menschen bringt sie die gesunde rote Farbe wieder ins Gesicht. Jetzt zu dieser Zeit hat die Brennessel auch einen besonders hohen Eisengehalt. Der Teufel hat auch seine guten Seiten!

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