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Es wäre wirklich leichter, ein ganzes Buch über den Farn zu schreiben, als seine Geschichte auf ein paar Seiten zusammenzufassen. Ich will trotzdem versuchen, etwas von dem Zauber des Farns in diesen Zeilen einzufangen. Die Geschichte des Farns beginnt vor 395 Millionen Jahren! Es war die Zeit des Devon, der dritten Periode des zweiten Erdzeitalters. Damals gab es auf unserer Erde zum erstenmal Farnkräuter. Und dann, "nur" 50 Millionen Jahre später, im Karbon, dem Steinkohlezeitalter, entwickelte sich der Farn so prächtig, daß man unter riesigen Farnkräutbäumen spazierengehen konnte. Nein, das ist etwas voreilig, denn uns, die Menschen, gab es noch lange nicht, und das Leben in den riesigen Farnkraut- und Schachtelhalmwäldern konnten damals nur die eben sich aus den Fischen entwickelten Urlurche genießen. Was in diesen gigantischen Sumpfurwäldern noch so kreuchte und fleuchte läßt sich schnell aufzählen: Spinnen, Insekten, Tausendfüßler. Das Leben auf dem Lande stand noch ganz am Anfang seiner Entwicklung. Im Karbon war das Klima sehr mild, es herrschten optimale Voraussetzungen für ein üppiges Pflanzenwachstum. Und was damals von den Farnkraut- und Schachtelhalmriesen zu Boden sank und sich Schicht auf Schicht lagerte, das schieben wir heute als Steinkohle in unseren Ofen. Die Farne stellen einen grundlegenden Schritt in der Evolution der Pflanzen dar. Sie bilden ein wichtiges Glied zwischen den Moosen und den höher entwickelten Samenpflanzen. Zur Zeit ihres Höhepunktes im Karbon waren sie eine weit entwickelte Pflanzenart, die heutigen blühenden und samentragenden Pflanzen waren noch nicht " erfunden". Die Farne sind im Laufe der Millionen Jahre geschrumpft, wir stehen heute vor den kümmerlichen Resten ihrer einstigen Pracht. Nur in den tropischen Wäldern sind noch kleine Farnbäume erhalten geblieben. Noch heute stehen die Farne am Entwicklungspunkt zwischen Moosen und blühenden Pflanzen, jedes der Farnkräuter in unseren Wäldern erinnert an die riesigen Sumpfwälder in den ersten Zeiten der Erde. Alle Farne haben etwas Geheimnisvolles. Am meisten scheinen die Menschen früherer Zeiten über das Geheimnis der Vermehrung des Farns gegrübelt zu haben. Wie kann eine so stattliche Pflanze wie z. B. der Wurmfarn sich vermehren, ohne Blüten und Samen zu entwickeln? Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen! Wir kennen heute die botanische Lösung dieses Rätsels. Wir wissen, daß es vor den höher entwickelten Blütenpflanzen noch eine andere Möglichkeit zur Vermehrung gab: Im Sommer kann man auf der Unterseite der Farnwedel seltsame Zeichen finden. Es sind viele braune Pünktchen, paarweise angeordnet, in feine Schleier gehüllt. Sie erinnern irgendwie an Schalttafeln eines technischen Gerätes oder an einen verschlüsselten Code. Aus diesen "Schaltknöpfchen", die Botanik nennt sie Sori, rieselt ganz feiner Staub. Dieser hellgelbe Staub sind die Sporen der Pflanze. In der Spätsommerzeit können wir unter den Farnpflanzen ganz kleine Pflänzchen finden, sie scheinen eine ganz andere Pflanzenart zu sein, so fein und unscheinbar sind sie. Sie ähneln etwas einer kleinen Algenpflanze. Doch diese Pflänzchen sind aus dem Sporenstaub e herangewachsen. Auf ihren Blättern entwickeln sich männliche und weibliche Geschlechtszellen. Aus der Befruchtung der Eizellen aus dieser Vorkeimgeneration entsteht wieder eine sporenbildende, ungeschlechtliche Farnpflanze. Der Farn hat also noch immer keine Blüten entwickelt, er gibt seine ganze Kraft hin zur schönen Ausbildung seiner Blätter. Die sind ihm auch wirklich gut gelungen, sie sind ein Schmuckstück in unseren Wäldern. 'Die sporenbildende Generation, die Pflanzen mit den hohen Farnwedeln, wie wir sie hauptsächlich vom Wurmfarn kennen, werden zu Heilzwecken verwendet. Diese Blätter enthalten wie auch die Wurzel viele Substanzen, z. B. Aluminium und Kali, die in den kleinen geschlechtlichen Farnpflänzchen fehlen. Will man die Farnwedel zum Heilen gebrauchen, so sammelt man sie am besten im Hochsommer, wenn die Sporenhäufchen (Sori) entwickelt sind. In unseren Wäldern gibt es verschiedene Farnarten, doch der in der Heilkunde gebräuchlichste, der Wurmfarn, ist einfach von den anderen zu unterscheiden. Der Wurmfarn wurde früher Farnmännlein genannt wegen seiner dick ausgebildeten Wurzeln und der kräftigen Blätter. Seine gefiederten Farnwedel entspringen direkt aus der Wurzel. Es gibt auch ein Farnweiblein (Athyrium filixfemina). Bei diesem Farnfräulein sind die Sori länglich geformt, manchmal hufeisenförmig gebogen, während die des Männleins nierenförmig sind. Bei ihr wirkt alles -anmutiger und sanfter. Wer diesen feinen Unterschied nicht erkennen kann, dem rate ich zu folgender Probe: Schneidet man den Blattstiel dieses Farns durch, erkennt man zwei Gefäßbündel. Der Wurmfarn hingegen hat sieben. Der Frauenfarn hat ähnliche Heilwirkungen wie der Wurmfärn, nur etwas schwächer. Früher hat man das Farnmännlein zur Behandlung der Männer gebraucht und den Frauenfarn zur Behandlung der Frauen. Die Gefäßprobe schützt auch vor der Verwechslung mit dem Dornfarn (Dryopteris carthusiana), der fünf Gefäßbündel hat. Die Wedel dieses Farns sind mehrfach gefiedert, die einzelnen Fiederchen scharf gezähnt wie kleine Dornen. Dieser Farn wird nicht zu heilzwecken verwendet. Der größte Farn unserer Wälder, der König der Farne, ist der Adlerfarn (Pteridium aquilinum). Er steht stolz auf einem langen Stiel, erst weiter oben breitet er seine weiten Wedel mit Adlerschwingen aus. Er wächst in großen Beständen und wurde früher zur Düngung und als Einstreu verwendet. Der Hirschzungenfarn (Phyllitis scolopendrium) ist ein kleiner Vertreter der Farne. Seine Blätter sind ungeteilt und ähneln einer glatten Zunge. Er gehört zu den seltenen Farnen und steht unter Naturschutz. Er ist ein altes Heilmittel für Lungen- und Milzkrankheiten. In Staudengärtnereien kann man ihn erstehen, und gibt man ihm ein schattiges, nährstoffreiches Plätzchen im Garten, entwickelt er sich prächtig. Zu diesem kleinen Farnmännchen gehört ein besonders schönes Farnfräulein. Die zarten Wedel des Frauenhaarfarns (Adiantum capillus-veneris), filigran in viele Fiederblättchen aufgeteilt, sind die schönsten Blätter in der Farnfamilie. Die Stiele der Fiederblättchen sind haarfein. Die Blätter dieses Farns bleiben beim Eintauchen in Wasser trocken, die Wassertropfen gleiten an ihnen ab. Daher kommt der lateinische Name der Pflanze, er setzt sich aus der Silbe a = nicht und dem griechischen diainein benetzen zusammen. Wir kennen den Frauenfarn hier nur als Zierpflanze. In den südlichen Alpen und im Tessin hat er seine natürlichen Standorte. Er ist eine altbekannte Lungenheilpflanze. Aber die Farnkräuter wurden nicht nur wegen ihrer Heilstoffe gesucht. Viele Jahrtausende hindurch war das Farnkraut, besonders der Wurmfarn, eine der bekanntesten Zauberpflanzen. Er galt in allen Kulturen, die das Farnkraut kannten, als eine magische Wunderpflanze. Mit verschiedenen Ritualen versuchte man sich der Zauberkraft dieses beseelten Pflanzenwesens zu bemächtigen. Es sind uns unzählige Geschichten, Sagen, Märchen und Lieder erhalten geblieben, die von der großen magischen Kraft des Farnkrauts erzählen. Sie lassen die alten Bilder wieder erscheinen, in denen der frühere Mensch die Wesenskräfte der Natur erschaut hat. Wie kam es wohl, daß gerade dem Farnkraut seit vielen Jahrtausenden eine so starke magische Kraft zugesprochen wurde? Der Mensch sah in dieser Pflanze ein tiefes Gleichnis, ein inneres Bild, das wir heute kaum nachvollziehen können. Manchmal spüren wir noch ein wenig von dem Zauber dieser Pflanze, wenn wir im Wald ganz unverhofft auf ein Nest junger Farnkrautwedel stoßen, die sich in wunderschönen Spiralen entrollen. Diese Spiralform hat die Menschen auf das Farnkraut aufmerksam gemacht. Die Spirale ist eines der ältesten Symbole der Menschheit. Von den frühen steinzeitlichen Felsenmalereien über Vasenverzierungen und Wandmalereien in allen Kulturen bis in unsere Neuzeit finden wir die Spiralen, wo immer der Mensch mit einem Symbol den geistigen Entwicklungsweg, der sich kreisend und doch immer höher steigend aufwärts bewegt, ausdrücken möchte. Dieses Symbol ist universell. Es hat seine Entsprechung im Makrokosmos in den riesigen Spiralnebeln der Galaxien, in unserem Körper im wirbelförmigen Haaransatz, den Wirbelformen am Herzen, den Spiralenformen an unseren Fingerkuppen usw. Die Menschen sahen den Gang der Sonne am Himmel als Spirale. In Spiraltänzen ahmte man diese Bewegung nach, um sich so in die kosmischen Kräfte einzuschwingen. Die Tänze wurden besonders an den zwei Sonnwendtagen getanzt. Diese alte Verbindung hat sich in Bräuchen noch lange erhalten. Wer Farnkraut zu magischer Verwendung sammeln wollte, konnte dies nur, so berichten die alten Geschichten, an Sonnwend und Weihnachten. Die Spirale galt lange als Gücks- und Heilsymbol, und so wurden die Farnwedel, besonders wenn sie noch zu einer Spirale aufgewickelt waren, bei vielen Festen verwendet. P. Cyrill von Crasinski weist in seinem Buch "Die geistige Erde" auf einen alten Farnwedelbrauch hin, der sich etwas umgewandelt bis in unsere Zeit erhalten hat. Die quäkenden, sich blitzschnell aufrollenden Papierschlangen, die zur Zeit des Karnevals so viele Kinder in Entzücken versetzen, sind stilisierte Farnkrautspiralen. Während der Saturnalien, den altrömischen Festen mit Umzügen, ähnlich den heutigen 'Karnevalsumzügen, hat man sich mit Farnkrautwedeln beworfen. Dies galt als glücksbringend. Aus den Farnsamen beziehungsweise Sporen, die man sich gegenseitig übergestreut hat und die Liebe und Kinderreichtum bringen sollten, sind unsere Papierkonfetti geworden. Dieser Farnkrautsame (wir wissen, daß es eigentlich Sporen sind) wurde auch Blüte der Liebenden genannt und galt das ganze Mittelalter hindurch bis weit in unsere Zeit hinein als kräftiges Liebeszaubermittel. Jedes Kind wußte, daß Farnkrautsamen ihren Besitzer glücklich und reich machen, daß er kraft ihrer Wirkung die Tiere verstehen und Schätze finden kann. Der heute gebräuchliche lateinische Name des Farnkrautes bezieht sich noch immer auf diese alte Sage - Filix = glücklich, mas = Männchen. Er gewinnt Herrschaft über Erde und Wasser und wird sogar, wenn er will, unsichtbar. Über diese Gabe des Farnkrautsamens, unsichtbar zu machen, gibt es viele Geschichten. Diese hier wurde in etlichen Variationen immer wieder erzählt: Ein Bauer suchte in der Mittsommernacht sein verlorenes Fohlen. Er irrte durch die Wiesen und suchte schließlich im. Wald. Dort fiel ihm etwas Farnsamen in die Schuhe, als er an einem großen Farnkraut vorbeistreifte. Er konnte das Fohlen nicht finden und ging schließlich wieder nach Hause. Dort bemerkte er, daß ihn niemand beachtete. "Ich habe das Fohlen nicht gefunden", gestand er laut. Alle erschraken heftig, denn sie hatten nur seine Stimme gehört, konnten ihn aber nicht sehen. So hat er noch ziemlich lange die anderen verängstigt, bis er am Abend seine Schuhe auszog, die Farnsamen ihre Wirkung verloren und er wieder sichtbar wurde. Daß der Sporenstaub nicht die "richtigen" Samen sind, hat man schon gewußt, doch wo waren die Samen des Farnkrauts? Nur an Sonnwend und an Weihnachten, so glaubte man, trägt das Farnkraut Samen. Erst durch ein kompliziertes Ritual konnte man sie finden. Zu manchen Zeiten scheint ein richtiges Farnkrautsamen-Fieber ausgebrochen zu sein, jeder wollte sie finden. Die christlichen Herren der damaligen Zeit befürchteten schon ein Wiederaufbrechen der alten Glauben. So wurde an vielen Orten das Sammeln von Farnkrautsamen verboten. Der Herzog Maximilian gab im Jahre 1611 ein Gebot heraus, nach dem es bei Strafe verboten war, den Samen zu holen. Auch die Synode von Ferrara erließ im Jahre 1612 das Verbot, den Farnkrautsamen zu sammeln. Wie die Samen, so hat man auch die Farnwedel als Zaubermittel aus dem Walde geholt. Sie wurden in die Ställe gehängt, um die Tiere vor Krankheit zu schützen. Sie sollten fruchtbar machen, und Frauen, die gerne ein Kind wollten, hingen sich die Farnwedel in die Schlafstube. Interessant ist in diesem Zusammenhang, daß der weibliche Schleim in der Scheide zur Zeit des Eisprungs unter dem Mikroskop betrachtet genau die Form von Farnwedeln aufweist. Auch die Wurzel des Farns galt als starkes Mittel, um alles Böse abzuwenden. Man hat sich aus den Wurzeln kleine Hände geschnitzt oder das Johannishändchen, das einer Kinderfaust ähnliche Herzstück der Wurzel, herausgenommen und es als Amulett um den Hals getragen. Es sollte stark machen und vor Krankheit schützen. Aber die Farnwurzel konnte auch gefährlich werden. Manche Farnwurzeln entwickelten sich zu sogenannten Irrwurzeln. Wenn ein Mensch auf sie tritt, soll er sich im Wald verirren und nicht mehr zurückfinden. Noch lange hat sich der Ausspruch "Bist wohl auf eine Irrwurz getreten" erhalten, den man zu jemandem sagte, der sich verirrt hatte. Zum Schluß möchte ich Hildegard von Bingen über das Farnkraut reden lassen, die in diesem Absatz aus ihrem Buch "Naturkunde" das Wissen über das Farnkraut in ihrer Zeit zusammenfaßt: "Der Farn ist warm und trocken und hat auch ein mittleres Maß an Saft. Der Teufel flieht die Pflanze, und sie hat gewisse Kräfte, die an die der Sonne gemahnen, weil sie wie die Sonne das Dunkel erhellt. Sie vertreibt so Trugbilder, fantasias, und deswegen lieben sie die bösen Geister nicht. An dem Platze, an dem sie wächst, übt der Teufel sein Gaukelspiel selten aus, und das Haus, an dem der Teufel ist, meidet und verabscheut sie. Blitz, Donner und Hagel fallen dort selten ein, und auf dem Acker, auf dem sie wächst, hagelt es selten. Wer den Farn bei sich trägt, ist sicher vor den Nachstellungen des Teufels und vor bösen Anschlägen auf Leib und Leben. Wie den Menschen Sinn für das Gute und das Böse innewohnt, so sind auch gute und schlechte Kräuter für ihn gewachsen..." Hildegard von Bingen, Naturkunde, Otto Müller Verlag, Salzburg | |