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Das nächste Fingerkraut nach der Blutwurz, mit dem ich bekanntmachen möchte, verdient eigentlich den Namen Fingerkraut nicht. Seine Blätter sind nicht wie bei den meisten Arten dieser Gattung gefingert, sondern gefiedert. Ein Blattpaar über das anders reiht sich entlang des Stiels; unterbrochen vielpaarig gefiedert, nennt die Botanik diese Form. Die schönen Blätter des Gänsefingerkrautes sehen aus wie kleine Palmwedel. Doch das schönste an ihnen ist nicht diese anmutige, filigrane Form, sondern ihre silbrigweiße Behaarung an der Unterseite. Sie schimmern matt wie von Mondlicht übergossen. Wen wundern da die alten Erzählungen und Sagen, die von kleinen Elfen und Pflanzengeistern berichten, die sich bei Mondschein auf den Blättern des Gänsefingerkrautes zum Plaudern und Tanzen treffen. Doch jetzt bei Tag können wir uns die Pflanze genauer anschauen, ohne diese lustige Schar zu stören. Aus der grundständigen Blattrosette einer Gänsefingerpflanze kann ein ganzer kleiner Teppich von Pflanzen entstehen. Wie deutlich zu sehen ist, entspringen aus den Blattachseln ausläuferartige Stengel, die sich bis zu 40 cm weit von der Mutterpflanze entfernen können, um dort zu wurzeln und neue Pflanzen zu bilden. Wenn es jetzt gerade schönes Wetter ist, so können wir die goldgelben, strahlenden Blüten des Gänsefingerkrautes bewundern. Sie stehen einzeln an langen, eigens für sie gewachsenen Stielen. Mit der Blüte hält sich das Gänsefingerkraut streng an die Regeln seiner edlen Rosenfamilie, es trägt fünf Kelch- und fünf Blütenblätter. Die Blüten ähneln denen der Erdbeere, ebenfalls eine Pflanze aus der Rosenfamilie. Bei schlechtem Wetter schließen sich die Blüten zur Hälfte. Und wenn es regnet, drängen die silbriggrünen Blätter sich zusammen und bilden ein schützendes Dach über den zerbrechlichen gelben Blüten. Diese Gebärde hat das Gänsefingerkraut zu einem Sinnbild der schützenden Mutter Maria gemacht. Niemand braucht eine große Reise zu unternehmen, um ein Gänsefingerkraut zu finden. Es wächst fast überall; auf Wiesen, Schuttplätzen, Wegrändern, Bahndämmen, in der Stadt wie auf dem Land. Man könnte es fast als kosmopolitische Pflanze bezeichnen, denn es ist über den größten Teil der nördlichen Halbkugel verbreitet und kommt auch in vielen Gebieten der südlichen Hemisphäre vor. Das .Gänsefingerkraut ist von den Fingerkräutern die am weitesten verbreitete Art. Man nimmt an, daß es ursprünglich nur salzhaltige Standorte besiedelt hat oder vielleicht noch zur typischen Auenvegetation gehörte. Von diesen ursprünglichen Standorten aus ist das Gänsefingerkraut dem Menschen als Kulturbegleiter gefolgt. Dort wo es auftritt, zeigt es nährstoffreichen Boden und besonders Bodenverdichtung an (im Gegensatz zur Blutwurz, die auf magere Wiesenböden hinweist). Das sind genau die Böden, die der Mensch mit seiner Wirtschaft erzeugt - überdüngte, verdichtete Erde. So hat das Gänsefingerkraut sich an den Menschen gehalten, ist ihm gefolgt und hat sich auf Weiden, Viehschlägen, an Wegrändern und früher auf Gänseweiden angesiedelt. Womit das Stichwort gegeben ist, um den Tierpflanzennamen des Gänsefingerkrautes zu erklären. Sie scheinen einander zu mögen, die Gänse und das Kraut, denn es wächst gern in der Nähe von Gänseweiden, wo der Boden von den breiten Füßen dieser Tiere festgetreten und von ihrem Kot gut gedüngt ist. Wenn ich meinen Gänsen eine Auswahl von Kräutern offeriere, so greifen sie ganz selbstverständlich zuerst zum schmackhaften Gänsefingerkraut. Anscheinend ist diese Pflanze auch besonders gesund für Gänse, denn man hat früher junge Gänse damit gefüttert. Die Vorliebe der beiden füreinander hat zum lateinischen Namen der Pflanze " Anserine" geführt, er leitet sich ab von anser = Gans. Das Gänsefingerkraut gehört zu den viel gebrauchten Heilpflanzen in der Volksheilkunde. Noch heute kennen es die meisten Bauern, denn es wird schon immer als Tierheilmittel und Notfallmittel für Menschen gebraucht. Im Allgäu und in Oberbayern wird das Krammetkraut oder Igelkraut, wie man es.dort nennt, bei Wunden gebraucht, um eine Blutvergiftung zu verhindern. Die Milch, in der das frische Gänsefingerkraut gekocht wurde, wird getrunken oder dem Tier eingeflößt, das weichgekochte Kraut auf die Verletzung aufgelegt. Diese Anwendung, die in der Volksheilkunde seit langem überliefert wurde und in fast keinem neueren Kräuterbuch zu finden ist, läßt sich in der alten Kräuterheilkunde weit zurückverfolgen. Die ausdrückliche Verwendung des Krautes in Verbindung mit Milch läßt darauf schließen, daß das Gänsefingerkraut eine alte germanische Heilpflanze war. Die beste Art, sich die Heilkraft einer Pflanze einzuverleiben, war für unsere germanischen Vorfahren ein Absud davon in Milch. Diese Art, Pflanzen in Milch zu verordnen, ist wahrscheinlich so alt wie unsere Pflanzenheilkunde überhaupt. Auch von der alten babylonischen und assyrischen Medizinwissen wir, daß eine Aufkochung der Pflanze in Milch als die üblichste Zubereitungsart galt. Die Volksheilkunde hat dem Gänsefingerkraut auch magische Kräfte zugeschrieben. Wer seine Wurzel am Johannistag ausgräbt, und zwar vor Sonnenaufgang, der kann sich daraus ein Amulett machen, das ihm helfen soll, die Liebe der Menschen zu gewinnen. | |