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"Ein warmes Süppchen hält Leib und Seel zusammen", ganz besonders eins am Gründonnerstag aus neunerlei frischen Kräutern gekocht. Es ist noch gar nicht lange her, daß man diesen alten Brauch gepflegt hat, am Gründonnerstag mußte etwas Grünes auf den Tisch. Aber warum gerade an diesem Tag und ausgerechnet aus neunerlei Kräutern. Das Wissen darum ist im Lauf der Zeit fast verlorengegangen. Um dies zu ergründen, müssen wir uns in jene Zeit zurückversetzen, als die Gründonnerstagssuppe noch in germanischen Suppentöpfen dampfte. Halt, nicht gleich zugreifen! Es handelt sich hier schließlich um eine Kultspeise, um ein gemeinsames Mahl,. das unseren Vorfahren soviel bedeutete wie uns heute das Abendmahl; sie glaubten dadurch teilzuhaben an den lebensspendenden, heiligen Kräften in der Natur,, in Harmonie zu treten mit den Göttern. Durch den Verzehr dieser Suppe, die ganz bestimmte Kraftpflanzen enthielt, wollten sie sich mit den guten und heiligen Kräften verbinden. Einer der wichtigsten Bestandteile solch einer Kraftsuppe war der Gundermann. Er gehört zu den Pflanzen, die in unmittelbarer Nähe der menschlichen Behausungen wachsen. Diese galten in früher Zeit- als Verkörperung der guten Haus- und Hofgeister, die Menschen in Zeiten der Not wie kleine Heinzelmännchen ihre Hilfe anbieten. An bestimmten Tagen stehen sie in besonderer Verbindung zu den kosmischen Kräften, sind besonders stark und heilsam. Solch ein Tag war nach altem Wissen der Gründonnerstag (... wie auch die Sommersonnenwende, Mariä Himmelfahrt, Mariä Geburt...). Der Gundermann, noch heute als kleine Persönlichkeit angeredet, galt als besonders hilfreiches Pflanzen-Heinzelmännchen. Er schützt, so glaubte man, vor allen schlechten Einflüssen und vor zehrenden Krankheiten. Er kann schlimme Wunden heilen und gibt Kraft für die Gesundung. Deshalb durfte der Gundermann in keiner Gründonnerstagssuppe fehlen. Den Gründonnerstag feierten unsere Vorfahren draußen in freier Natur. An diesem Tag spendete sie Lebenskraft und Gesundheit nach dem harten Winter. Die Nacht über tanzte man draußen im Wald und, trug dabei als Zeichen der Verbundenheit mit den Göttern und den Kräften der Natur Kränze aus Gundermann. (Er bietet sich dafür geradezu an mit seinen langen dünnen und biegsamen Stengeln, weshalb man ihn heute noch Gundelrebe nennt.) Nachdem der Priester seinen- Segen gesprochen hatte, nahmen alle gemeinsam diese Suppe aus den kräftigsten Heilpflanzen dieser Jahreszeit ein. Das Christentum, das bei seinem Eindringen in die germanische Kultur diesen Brauch noch ganz lebendig vorgefunden. hatte, übernahm das Empfinden der Menschen für dieses Fest und leitete den Impuls zu neuem christlichen Verständnis für diesen Tag. So wurde der Gründonnerstag zum " dies viridium", es wurde der Tag der begnadeten Büßer, die zum erstenmal wieder am Abendmahl teilnehmen durften. Auch gedenkt man an diesem Tag des letzten Abendmahls vor der Kreuzigung. Das Mysterium des Grünen, der alten und neuen Religion, das gemeinsame menschliche Erfahren dieser Kraft hat Hildegard von Bingen, die Äbtissin des 12. Jahrhunderts, in ihren Schriften zusammengefaßt. Altes Heidnisches, neues Christliches und eigene Erfahrung und Schauung fließen in ihren Worten zusammen und wir spüren, daß die Menschen aller Zeiten die gleiche göttliche Kraft empfunden haben. Viel schreibt sie über die Kraft des Grünen: " Es ist eine Kraft aus der Ewigkeit, und diese Kraft ist grün. " Sie spricht von dem Vertrauen, der Hoffnung, dem sich immer wieder Erneuernden, das den Menschen hilft. " Kein Baum grünt ohne Kraft zum Grünen. Kein Stein entbehrt der grünen Feuchtigkeit. Kein Geschöpf ist ohne diese besondere Eigenkraft: die lebendige Ewigkeit selbst ist nicht ohne Kraft zum Grünen. " Mit dieser Kraft wollten sich damals wie heute die Menschen verbinden, wer sich mit ihr vereint, braucht das Sterben nicht mehr zu fürchten, sie ist ewig erneuernd. Der heutige Volksglaube, der sich um den Gundermann und die Gründonnerstagssuppe rankt, enthält nur noch einen unverständlichen Bruchteil der alten Bedeutung. Verfolgen wir einige Elemente dieses alten Frühlings- und Erneuerungsfestes durch die Jahrhunderte. Was ist aus den Kränzen geworden, die aus den langen, biegsamen Gundermannstengeln geflochten wurden? Noch heute kennt man den Gundermann in manchen Gegenden unter dem Namen "Kranzkraut" oder " Erdkränzel". Im Mittelalter wußte man noch, daß der Gundermann mit irgendeinem heidnischen, nächtlichen Tanzfest in Verbindung gestanden hatte. Das konnte nur, so dachte man sich, die heidnische Walpurgisnacht sein. Lange Zeit glaubte man, daß ein in der Walpurgisnacht gewundener Gundermannkranz hellsichtig mache, ja daß man damit sogar die Hexen erkennen könne. Eine Sage aus Sachsen erzählt uns mehr darüber: "Ein Dienstmädchen hörte, daß eine Frau eine Hexe sei, und um die Wahrheit zu erfahren, wand sie am Sonntag nach Walpurgis einen Gundermannkranz, setzte ihn auf und ging in die Kirche. Sie war die erste drin und die erste wieder draußen, und sah nun, wie ihre Frau und viele andere Frauen des Dorfes auf Besen und Ofengabeln aus der Kirche geritten kamen. Doch sobald die Hexen den Gundermannkranz auf dem Kopf des Mädchens bemerkten, fielen sie darüber her und zerschlugen es so, daß es am folgenden Tag starb." Heinrich Marzell, Unsere Heilpflanzen Der Glaube an die antidämonische Wirkung des Gundermanns hat ebenfalls lange weitergelebt. Die alten Sprüche würden zu christlichen Segenssprüchen. "Gundträben Ger (Gundermann-Schößling) Ich brich dich in unserer lieben Frawen Ehr Und in der Ehr unseres lieben Herrn Jesu Christ." So lautet ein Segen aus einer Handschrift der Abtei Blasien aus dem Jahre 1617. Mit einem Gundermann, der während solch eines Segensspruches gepflückt wurde, konnte man sich vor Bösem schützen und Krankheiten heilen. Was ein Milchzaubermittel ist, darunter können wir uns heute nicht mehr viel vorstellen. Das ganze Mittelalter hindurch, ja bis in unsere Zeit hinein war der Gundermann als Milchzaubermittel bekannt. Gaben die Kühe nicht mehr richtig Milch, war die Milch schlecht und ließ sie sich nicht richtig buttern, so war vielleicht ein böser Zauber im Spiel. Dagegen konnte man sich mit dem Gundermann schützen. Unzählige Milchzaubersprüche mit dem Gundermann haben sich bis in unsere Zeit erhalten. In einer Reichenauer Handschrift aus dem 12. Jahrhundert heißt es: "Wa man die milch stelt - nimb weichwasser und sprengs in den stall, nimb gunreben, geweicht salz und merlinsen (Wasserlinsen) (und sprich dazu): Ich gib dir heut gunreben, merlinsen und salz, Und gang uf durch die wölken Und bring mir schmalz Und milich und molken. " Um die Kühe vor Verzauberung zu schützen, hat man in vielen Gegenden die erste Milch nach dem Austrieb durch einen Kranz aus Gundermann gemolken. Für unsere germanischen Vorfahren galt die Milch als ein Allheilmittel von besonderer Kraft. Sie wurde bevorzugt als Vehikel gebraucht, um die Heilkräfte der Pflanzen aufzunehmen und als Heiltrank an den Menschen weiterzugeben. So wurden die Heilkräuter in Milch aufgekocht. Noch heute wird für manche Pflanzen das Kochen in Milch als besonders wirksame Zubereitungsart empfohlen wie z. B. beim Gänsefingerkraut. Vielleicht haben die Germanen für ihre Kultspeise den Gundermann und die anderen Kräuter in Milch aufgekocht; der jahrhundertealte Milchzauber scheint auf einen sehr ursprünglichen Brauch zurückzugehen. Der Gundermann sollte nicht nur vor Bösem schützen, sondern auch Krankheiten heilen und den Körper stärken. Welche Krankheiten das Gundermännlein heilen kann, dieses Geheimnis hat sich über die lange Zeit bis heute in seinem Namen erhalten. " Gund" war im germanischen Sprachgebrauch die Bezeichnung für Eiter. Gundkrankheiten sind langwierig, wollen schwer heilen. Mit Gundermann wurden eitrige Wunden behandelt, Krankheiten mit eitrigem Ausfluß oder Auswurf. Noch heute wird der Gundermann, in der Naturheilkunde dafür verwendet. Mehr darüber im Heilteil. Der Gründonnerstag als besonders günstiger Tag im Jahreskreis ist in den Bauernregeln bis heute lebendig geblieben. Er gilt als günstig für die Aussaat bestimmter Pflanzen, an diesem Tag Gesätes soll kräftig werden und vor Ungeziefer geschützt sein. Und was können wir heute noch über die Gründonnerstagssuppe erfahren? Traditionell enthielt sie neun verschiedene Kräuter. Diese Zahl deutet wieder darauf hin, daß sie mit einer kultischen Handlung in Verbindung stand. In allen Kulturen galt die Zahl Neun als heilig, sie war der weiblichen Muttergöttin geweiht, die das neue Leben bringt und schützt. In der Neun liegt das Neu-e verborgen, mit der Neun sind viele alte religiöse Handlungen verbunden, durch welche sich die Menschen mit der erneu(n)ernden Kraft verbinden wollten. Der Gründonnerstag war das erste Fest im Jahreskreislauf, an dem der nahende Frühling begrüßt wurde, wo man sich mit einem festlichen Ritual und der Neun-Kräutersuppe mit den erwachenden Lebenskräften der Mutter Erde verbinden wollte. Sicherlich enthält der Ausspruch "Ach du grüne Neune" noch das Wissen um die neun Kräuter in der Gründonnerstagssuppe. Welche neun Kräuter in der germanischen Suppe kochten; ist nicht mehr vollständig überliefert, aber wir können uns einiges zusammenreimen. Ganz sicher enthielt sie eine kräftige Portion Gundermann, und die restlichen acht Kräuter gehörten zu denjenigen Pflanzen, die zur Zeit des Gründonnerstags gerade ihre ersten Triebe zur Sonne streckten wie Brennessel (Urtica dioica), Spitzwegerich (Plantago lanceolata), Gänseblümchen (Bellis perennis), Vogelmiere (Stellaria media), Guter Heinrich (Chenopodium bonus-henricus), Sauerampfer (Rumex alpinus). Wenn wir uns jetzt, zur Zeit des Frühlingsanfangs, draußen im Garten oder ums Haus umschauen, entdecken wir schon viele Pflänzchen für eine kräftige Frühjahrssuppe: Kerbel (Anthriscus cerefolium), Schafgarbe (Achillea millefolium), Bachehrenpreis (Veronica beccabunga), Löwenzahn (Taraxacum officinale), Bärlauch (Allium ursinum) . . . Viele haben ihr ganz spezielles Gründonnerstags-Suppenrezept, wie z. B. der Naturforscher Alexander v. Humboldt, der auf seine Frühlingssuppe so geschworen hat, daß er sie jedes Frühjahr einige Wochen lang täglich zubereitete. Seine Suppenkräuter waren: Gundermann, Schafgarbe, Brunnenkresse (Nasturtium officinale), Spitzwegerich und Gänseblümchen. Nach diesem langen Ausflug in die magische Geschichte der Gründonnerstagssuppe möchte ich noch einen ganz "vernünftigen" Grund anführen, warum ich meine Leser auf den Geschmack einer Gründonnerstagssuppe bringen möchte. Alle in dieser Suppe verwendeten Kräuter haben eine reinigende und stärkende Wirkung auf den menschlichen Organismus. Gerade zur Zeit der Frühjahrsmüdigkeit kann unser Körper diese " grüne Anregung" besonders gebrauchen, und wir sollten uns im zeitigen Frühjahr ruhig öfters ein grünes Süppchen gönnen. Mit dem Gundermann verbindet mich eine ganz persönliche Geschichte. Vor einigen Jahren erzählte mir Franz Waldner, der aus seiner Tiroler Heimat einige alte Pflanzengeheimnisse mit ins Siegerland gebracht hatte, von " seinem Wunderblättchen". Ich wußte zuerst nicht, welche Pflanze er damit meinte, bis er sie mir draußen zeigte und ich sie als Gundermann identifizierte. " Aus dem Wunderblättchen", so erzählte er mir, " kann man zusammen mit der Sonne ein Öl machen, mit dem man schlimme Wunden heilen kann. Wenn am Hochofen, wo ich arbeitete, durch Verbrennungen tiefe schlechtheilende Wunden entstanden, dann habe ich mit dem Öl aus Wunderblättchen oft helfen können. " Diese Worte fielen mir ein, als ich letztes Jahr, von einem Hund gebissen, tiefe eiternde Wunden hatte. Es lag noch Schnee, und ums Haus herum war kein Gundermann zu finden (er überwintert mit einigen kurzen Stengeln und Blättern). So schickte mir Franz ein Fläschchen Wunderblättchenöl. Ich versorgte meine Wunden damit und sie heilten gut und schnell. Durch viele Bauarbeiten war der Boden um unser Haus durcheinandergeraten und kein Gundermann hatte sich wieder angesiedelt. Damals im letzten Winter, als ich vergebens nach dem Gundermann suchte, hatte ich mir gewünscht, daß hier in meiner Nähe wieder Gundermann wachsen würde. Und im kommenden Frühjahr erschienen überall in meinem Garten kleine Gundermannpflänzchen, und Ende des Sommers breiteten sich viele Gundermannreben über dem Boden. aus. Auf der Mauer stehen schon einige Gläser mit frischen Gundermannblättern, damit die Sonne das heilsame Öl ausziehen kann. | |