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HONIGKLEE

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Melilotus officinalis (L.) Pallas - Gelber Steinklee Melilotus alba Medik. - Weißer Steinklee Familie der Schmetterlingsblütler - Fabaceae

Jedesmal wenn ich auf meinem Speicher an den Büscheln Honigklee, die ich dort zum Trocknen aufgehängt habe, vorbeikomme, umfängt mich ein süßer Duft. Ich stelle den Wäschekorb auf den Boden, stecke meine Nase in die Kräuter und sauge mich ganz voll davon.
Ich habe immer bedauert, daß in dem rauhen Klima der Allgäuer Berge kein echter, süßduftender Jasmin gedeihen kann, aber der Honigklee tröstet mich darüber hinweg, denn er duftet fast genauso süß und verschwenderisch. Es ist eine Komposition von verschiedenen Düften, die ich erschnuppere; Honig, frisches Heu, Vanille und Waldmeister. Wie schön ist es dann im Winter, auf einem Honigkleekissen zu schlafen und die Erinnerungen an einen schönen Sommer einzuatmen. Es heißt, der Duft des Honigklees sei gut gegen "Katzenjammer" und trübe Gedanken. Die alten Kräuterkissen-Anwendungen haben sich in unserer Zeit bis zu einer eigenen Therapierichtung " gemausert". Die Duft- und Aromatherapie, die inzwischen von vielen Ärzten und Heilpraktikern besonders in Frankreich, Deutschland und England angewandt wird, behandelt die Kranken hauptsächlich über die Wirkung der Pflanzendüfte. Düfte wie z. B. der des Honigklees können dem Menschen helfen, sein seelisches Gleichgewicht wiederzufinden. Jeder von uns hat Erinnerungen an Gerüche, die ihn besonders froh gestimmt, haben, der Duft einer Rose, einer Blumenwiese, eines Tannenwaldes kann uns glücklich machen. Gerüche wirken in erster Linie über die Psyche, daher ist es begreiflich, daß gerade psychische Krankheiten über Pflanzendüfte behandelt werden können. Ich selbst arbeite während meiner Kräuterkurse viel mit Pflanzendüften, denn die Wirkung und das Wesen einer Pflanze lassen sich leicht "erschnuppern".
Klettern wir noch einmal hinauf auf meinen Speicher und setzen uns unter die Honigkleebüschel. Als ich sie gepflückt hatte, war der Duft viel schwächer. Erst als das Kraut trocknete, entwickelte er sich zu einer wahren Duftwolke. Dafür gibt es eine einfache Erklärung: Das Cumarin, der Duftstoff des Honigklees, wird größtenteils beim Welken der Pflanze frei, weshalb cumarinhaltige Pflanzen wie z. B. auch der Waldmeister frisch nur wenig, verwelkt aber stark duften. Ich kann's nicht beschwören, aber ich finde, manchmal riecht der Honigklee stärker und manch. mal schwächer. Vielleicht ist doch etwas dran an seinem alten Namen " Siebengezeit". Siebenmal am Tag soll der Honigklee besonders stark duften und bevor das Wetter umschlägt, soll er seinen Geruch besonders intensiv ausbreiten. Tabernaemontanus hat dies in seinem Kräuterbuch beschrieben:
"Das gantz Gewächs ohne die Wurtel hat ein Geruch wie ein wolriechendes Pech: jedoch solang er in Gärten stehet
/ hat er den Tag siebenmal seinen Geruch /
und verleurt ihn auch so offtwiederum / daher es
dann Siebengezeit genennt wird: nach dem er aber
außgerupfft undgedörrt ist / behältseinen Geruch /
doch wann trüb Wetter anstehen will / ereiget sich
der Geruch an gedachtem Kraut so gewaltig / daß es

jederman im Hauß wo es hangt / riechen muß / daher es dann ein Wetterkraut möchte genannt werden. "
Jetzt ist es aber an der Zeit, daß wir zusammen hinausgehen und den Honigklee in frischem Zustand betrachten. Sein anderer Name "Steinklee" verrät uns den Standort. Er ist ein Kraut der Kiesgruben, Bahndämme, Straßenränder und Schuttplätze. Meine größten Honigkleepflanzen habe ich in einer Kiesgrube gefunden, sie waren über zwei Meter hoch. Wie der Duft, so ist auch die ganze Pflanze luftig und anmutig, sie hat nichts Schweres, Erdhaftes. Der Honigklee ist so feingliedrig gestaltet, daß man ihn beinahe übersieht, beziehungsweise hindurchsieht.
Er scheint fast abzuheben und zu schweben, gut, daß er mit einer langen Pfahlwurzel im Boden verankert ist. Es gibt zwei verschiedene Arten von Honigklee, einen gelbblühenden und einen weißblühenden. Der Honigklee mit den gelben Blüten gilt als der echte, das heißt, er wurde zu medizinischer Verwendung gesammelt. Beide strömen jedoch den gleichen süßen Duft aus. Die zu langen Trauben angeordneten Blüten sind mit feinem Nektar gefüllt. Daher leitet sich der lateinische Gattungsname "Melilotus" ab: mel = der Honig. Die Blüten werden natürlich besonders gern von Bienen besucht. Beim Betrachten dieser luftigen Pflanzengestalt ist es begreiflich, daß ihr Duft schwere Gedanken vertreibt und das Gemüt erleichtert.
Es gibt sanfte und aggressive Pflanzen, leichte und schwere, männliche und weibliche. Der Honigklee gilt von altersher als eine sanfte Pflanze der weiblichen Schönheit und Reinheit. Im antiken Griechenland weihte man ihn den schönen Musen, den neun Töchtern des Jupiter und der Mnemosyne, den anmutigen Göttinnen der Künste und Wissenschaften.
Von den Germanen wissen wir, daß sie den Honigklee der Ostara unterstellt hatten, der Göttin des Lichtes, der Fruchtbarkeit und des Frühlings. Ihr Fest wurde im April gefeiert. Osterfeuer symbolisierten den Aufgang des Lichtes. Unser heutiges Osterfest beinhaltet Reste der alten vorchristlichen Osterfeste. Auch der Osten, die Himmelsrichtung, wo die Sonne, das Licht aufgeht, ist nach der alten Lichtgöttin benannt. Aus den Blütenständen des Gelben Honigklees flochten die germanischen Frauen Kränze, um sie in das Osterfeuer zu werfen.
Maria hat das alte Frauenkraut "übernommen", und noch heute trägt der Honigklee in manchen Gegenden wohlklingende Mariennamen wie "Liebfrauenschühlein" oder "Unserer lieb Frauen Schühlein". Es hieß, man könne manchmal kleine Schühchen im Honigklee finden. Es ist auffallend, daß viele Heilpflanzen seit frühester Zeit weiblichen Gottheiten geweiht wurden und später, nach der Christianisierung, hat sich dieser Brauch erhalten, indem man Maria die Heilpflanzen zu Füßen legte.
Es gibt viel mehr Frauen- als Männerpflanzen, wenige Götter haben gleich einen ganzen Kräutergarten zugeordnet bekommen, wie es bei den Göttinnen üblich war. Denn in den meisten Kulturen waren es Frauen, die Heilpflanzen sammelten, um damit ihre Familie oder als Priesterin den ganzen Stamm zu heilen. Das Wissen um die Heilkraft der Pflanzen war aus vielen Erfahrungen zusammengetragen worden, hatte sich in Märchen, Sagen und Bauernweisheiten verbildlicht. Viele der heilkundigen Frauen wurden als Hexen verbrannt, und mit ihnen ihr Wissen und ihre Erfahrung. Die analytische Methode hat inzwischen aus den Heilpflanzen Dinge gemacht, die man auch als chemische Formeln niederschreiben kann. Nur ihr materialistischer Wert 'zählt noch. Es gibt heute nur noch wenige Menschen, die von der alten Verbindung wissen, die zwischen den Menschen und dem Pflanzen- und Tierreich bestehen. Aber es werden immer mehr, die spüren, daß die Natur uns heil machen kann, daß sie heilig ist. Sie suchen die Heilmittel ihrer Krankheiten draußen in der Natur und spüren die tiefe Dankbarkeit und Verantwortung, die die Kräuterfrauen der früheren Zeiten bewegt haben mag, die Heilpflanzen unter den besonderen Schutz der Göttinnen zu stellen.

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