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Um die Zeit des alten Festes der Sommersonnenwende, dem heutigen Johannistag, steht das Johanniskraut in vollster Blüte. Es ist unsere schönste Sonnenpflanze, ganz durchdrungen von der warmen, lichten Kraft der Sonne. Es scheint mit allen guten Geistern im Bunde, denn die Menschen haben in dieser Pflanze ein heilsames, erhellendes Wesen erkannt, das alles Böse und Dunkle vertreiben kann. Schon seit uralter Zeit ist das Johanniskraut mit der Sommersonnenwende verbunden, es trägt die Geheimnisse dieses Festes in sich. An diesem Tag, dem 21. Juni, hat die Sonne ihren höchsten Stand erreicht, es ist der längste Tag und die kürzeste Nacht. Das Licht hat das Dunkel besiegt, und die Sonne hält Hoch-Zeit mit der Erde. Seit Urzeiten wurde dieser Tag von den Menschen gefeiert als ein Fest der Verbindung des Lichtes mit der Erde, des Geistes mit der Materie, die heilige Hochzeit wurde mit Ritualen und Tänzen gefeiert und symbolisch für das Geschehen im Kosmos von Priester und Priesterin vollzogen. Spiraltänze waren die Bahn der Sonne, und alle Mittanzenden wurden zu Kindern des Lichts. Sonnwendfeuer symbolisierten die Kraft der Sonne auf der Erde, und wer darübersprang, konnte sich von Dunklem und Krankheit heilen. Die Kränze aus Pflanzen, die die Tanzenden trugen, zeigten die Verbundenheit von oben und unten, von allen Dingen im Kreislauf von Entstehen und Vergehen. Einige heilige Pflanzen waren mit diesem Fest besonders verbunden, Pflanzen, in denen die Menschen besondere Kräfte sahen, Kräfte der Sonne und solche, die das Dunkle bannen können. Farnkraut, Beifuß, Johanniskraut, Arnika und Ringelblume waren die magischen Pflanzen der Sommersonnenwende. Mit dem Johanniskraut wurden die Altäre geschmückt, und beim Tanz um das Sonnwendfeuer trug man Kränze aus dem blühenden Kraut als Zeichen der Verbundenheit mit den Lichtkräften. Dieses alte Fest, das seit so vielen Tausenden von Jahren gefeiert wurde, konnte nach der Christianisierung nicht unterdrückt werden, es wurde einfach um drei Tage verlegt und mit dem heiligen Johannes in Verbindung gebracht. Aus dem Fest der Sommersonnenwende wurde der Johanistag. Der heilige Johannes löste einen ursprünglichen germanischen Gott ab, und beide verbindet das gleiche Schicksal. Am Tag der Sommersonnenwende hat die Sonne nicht nur ihren höchsten Stand, sondern sie steht gleichzeitig am Wendepunkt, an der Sonnenwende, von dem aus ihre Kraft abnimmt bis zum tiefsten Punkt, der Wintersonnenwende. Seit der Steinzeit stellten die Menschen diesen Vorgang mit zwei gegenläufigen Spiralen dar. Symbolisch drückten unsere germanischen Vorfahren diesen Vorgang in ihrer Mythologie mit der Geschichte des Baldur aus, dem Gott des Lichtes. Er ist von leuchtendem Feuer umstrahlt, und sein Haupt glänzt wie die Sonne selbst. Er wird von seinem eigenen Bruder, dem blinden Gott der Zeit, von Hödur tödlich verletzt. Aus Baldur wurde der heilige Johannes, der an diesem Tage geköpft wurde. All diese Sonnwendgeschichten scheinen im Johanniskraut eingefangen zu sein. Seine goldgelben, fünfstrahligen Blüten leuchten wie kleine Sonnenräder, die vielen Staubblätter strahlen wie Funken. Die Alten sahen darin die eingefangene Kraft der Sonne, und der Fünfstern der Blüten war ein Zeichen für die guten Kräfte, erinnerte er sie doch an das heilige Symbol der Druiden, den Fünf stern. Die Christen sahen darin die fünf Wundmale des Herrn. Wenn wir die johanniskrautblüten zwischen den Fingern zerreiben, so tritt aus ihnen ein Saft, rot wie das Blut des Baldur und Johannes. Die Blätter, gegen die Sonne gehalten, sehen aus als wären sie mit Nadeln durchstochen. Es sind transparente Öldrüsen, auch die Blüten haben am Rand dunkle Punkte. Sie enthalten rotes Öl. Auch diese durchstochenen" Blätter symbolisieren die Wunden der Märtyrer, aber gleichzeitig erkannten die Menschen darin die Fähigkeit des Johanniskrauts, die Lebenskraft der Sonne in diese roten Tropfen aufzunehmen und zu speichern. Wie das Blut, der Lebenssaft unseres Körpers, so hat das Johanniskraut Lebenssaft von der Sonne, rubinrotes Öl, das unserem Körper Sonnenkraft geben kann. Das Johanniskraut hat die Kräfte des Lichts ganz in sich eindringen lassen und kann sie an uns"weitergeben, es kann uns helfen, damit wir uns dem Licht öffnen. Wenn unsere Seele dunkel und schwer ist, wir nur noch " Schwarz sehen", dann kann das Johanniskraut unser Gemüt erhellen. Es gehört zu unseren bekanntesten antidepressiven Heilpflanzen. Es ist wie ein Wunder, das, was die Menschen früher durch tiefes Verstehen in der Pflanze erkannten, bestätigt sich auf vielen Ebenen. Selbst wenn wir die Pflanze in ihre kleinsten Bestandteile zerlegen, immer wieder stoßen wir auf das Thema Licht. Die rote Farbe an unseren Fingern, als wir die Blüten zerrieben, entsteht durch den Hauptwirkstoff des Johanniskrauts, das Hypericin. Es ist ein rotes Pigment mit photosensibilisierenden Eigenschaften. Es bewirkt in unserem Körper, daß die roten Blutkörperchen ihren Farbstoff bei Belichtung an die umgebende Flüssigkeit abgeben. Die Lichtempfindlichkeit der Haut wird somit erhöht. Man hat den Zusammenhang von Johanniskraut und Lichtempfindlichkeit zuerst bei Tieren beobachtet. Pferde und Rinder bekommen nach Aufnahme von größeren Mengen Johanniskraut die sogenannte Lichtkrankheit mit weißen Flecken auf dem Fell. Das Johanniskraut, so wußten die Alten, kann unserem Körper Lebens- und Sonnenkräfte geben, die es in seinen Blättern und Blüten gespeichert hat. Wir können dies heute "wissenschaftlich" bestätigen, denn wir wissen, daß der rote Farbstoff, das Hypericin, unseren Zellstoffwechsel anregen kann. Es aktiviert die Zellatmung und gibt Sauerstoff an die Zellen ab. So gibt es den kleinsten Teilen unseres Körpers neue Energie. Von dem ursprünglichen Wissen um das Wesen des Johanniskrautes hat sich nach der Christianisierung viel erhalten und mit Neuem vermischt, zu tief war diese Pflanze mit den Menschen verbunden, um vergessen zu werden. Alle Geschichten, Rituale, magische Verwendungen, die wir darüber heute noch erfahren können, beziehen sich auf die Sonnenkräfte und die dämonenabwehrende Macht des Johanniskrautes. Viele Bräuche haben sich bis in unsere Zeit erhalten. Das Johanniskraut, so wußte man, ist am Johannistag gesammelt am heilkräftigsten. Manche sagen, man solle es morgens bei Tau sammeln, denn allein dieser Tau am Johannismorgen sei magisch und heilsam für den Menschen. In Island wälzte man sich an diesem Morgen im Tau, um kräftig und stark zu werden. In alter Zeit sah man in diesem Tau das befruchtende Wasser des Himmels von der Hochzeit des Himmels mit der Erde in der Sonnwendnacht. Das ganze Mittelalter hindurch bis weit in unsere Zeit galt das Johanniskraut als dämonenabwehrende Pflanze. Die Bauern hingen es in den Stall, um das Vieh vor Verzauberung zu schützen, und in der Stube am Fensterkreuz steckte ein Sträußchen Johanniskraut, um bösen Geistern den Eintritt zu verwehren. Durch seine zauberlösende Kraft bekam es viele Namen, wie Jageteufel, Teufelsbanner, Teufelsflucht, Fuga daemonum. Der Teufel selbst soll es ja gewesen sein, der die Blätter des Johanniskrauts so durchlöchert hat, weil er sich über dessen Heilkraft ärgerte. Die Pflanze jedoch ging nicht zugrunde, sondern wurde zu einem sicheren Mittel, um den Teufel fernzuhalten. Bis ins letzte Jahrhundert war der Brauch lebendig, an Johanni einen Kranz aus dem Kraut auf das Dach des Hauses zu werfen. Damit, so glaubte man, könne man das Haus Vor Blitzschlag schützen. Um ein Gewitter zu verscheuchen, braucht man manchmal nur etwas Johanniskraut auf den Herd zu streuen. Die Sage berichtet, daß einmal eine geheimnisvolle Stimme vom Himmel herab dieses Geheimnis verraten habe, als ein schreckliches Gewitter über dem Land tobte: "Ist denn keine alte Fraue, Die kann pflücken Hartenaue (Johanniskraut) Dass sich das Gewitter staue?" All die Jahrhunderte hindurch bis heute leuchten die Sonnwendfeuer in der Sonnwendnacht. Beim Tanz ums Feuer trugen die Mädchen früher Kränze aus blühendem Johanniskraut, die corona regis. Wer weiß heute noch, daß dies die Verbindung mit den Kräften des Lichts bedeutet? Mir ist das Johanniskraut so vertraut, daß ich beinahe vergessen hätte, es hier genauer zu beschreiben. Ich sollte es aber tun, denn es gibt viele, die diese kostbare Pflanze nicht kennen. Zudem hat das echte Johanniskraut, auch Tüpfeljohanniskraut genannt, einige Doppelgänger, mit denen man es verwechseln kann. Nur das echte Johanniskraut wird zu Heilzwecken gesammelt, die anderen Arten haben viel weniger Heilkräfte. Wir können uns nach dem bisher Gesagten sicher denken, daß wir das echte Johanniskraut an sonnigen, warmen Plätzen finden werden. Es liebt sonnige Wegränder, lichte Wälder, Gebüsche, Magerwiesen. Es ist so anspruchslos, daß es als Pionierpflanze auf den kargsten Böden wachsen kann und gilt als Anzeiger für die Magerkeit der Wiesen, auf denen es steht. Die ganze Pflanze wird 80-100 cm hoch. Den Stengel sollten wir uns genauer anschauen, am besten ihn ertasten, denn er ist ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal. Er ist aufrecht und extrem hart; weshalb das Johanniskraut auch Hartheu genannt wird, da es das Heu, hart macht. Wenn wir am Stengel entlang fahren, spüren wir zwei feine Längskanten. (Andere Arten haben 4 Kanten.) Man kann Johanniskraut nicht so einfach abrupfen, dazu ist der Stengel zu fest. Um die Wurzeln beim Pflücken nicht mit herauszureißen, sollten wir die Pflanze abschneiden. An der Schnittstelle des Stengels erkennen wir, daß sie mit Mark gefüllt ist, ebenfalls ein Unterscheidungsmerkmal gegenüber anderen Arten. Eine Pflanze mit nur zwei Kanten am Stengel ist übrigens etwas ganz Besonderes in unserer einheimischen Pflanzenwelt und kommt selten vor. Die Blätter sitzen ohne Stiele in gegenständiger Ordnung übereinander am Stengel. Sie sind elliptisch-eiförmig und ganzrandig. Wenn wir sie gegen das Licht halten, erkennen wir viele kleine Pünktchen, besonders am Rand. Sie haben zum Namen "Hypericum perforata" (perforiert = durchlöchert) geführt. Es sind transparente Öldrüsen. Diese wie von Stecknadeln gestochenen Punkte galten früher als leicht erkennbare Signatur für die Heilkräfte der Pflanze: Johanniskraut wurde zum Heilen von Stoß- und Hiebwunden empfohlen. An seinem oberen Ende verzweigt sich der Stengel buschig, so daß die an den Enden stehenden Blüten viel Sonnenlicht erhalten. Von Juni bis September können wir die schönen Johanniskrautblüten bewundern. Sie sind aus fünf goldgelben Kronblättern zusammengesetzt, und in ihrer Mitte gibt es viele (bis zu 100) Staubgefäße, die zu drei Büscheln zusammengefaßt sind. Die Blüten produzieren überschwenglich viel Pollen, viel mehr als für die Bestäubung erforderlich wäre. Am übrigen Blütenstaub dürfen sich die bestäubenden Insekten laben. Die Blüten sind mit dunklen Drüsen besetzt, die Hypericin (bis zu 8 %) enthalten. Beim Zerreiben der Blüten quillt dieses rotfarben heraus und färbt die Finger violettrot. Der rote Saft duftet warm-balsamisch. Nach dem Verblühen verfärben. sich die Blüten dunkelbraun. Setzen wir uns einmal an einem sonnigen Tag vor ein Johanniskraut und lassen wir seine Ausstrahlung auf uns wirken. Wir werden in ihm eine kostbare heilende Pflanze erkennen und sie mit Dankbarkeit pflücken. Weitere einheimische ]ohanniskrautarten Verglichen mit dem echten Johanniskraut, wirken alle anderen Arten schwächer und kraftloser. Das echte Johanniskraut kennzeichnet sein zweikantiger, markiger Stengel und seine vielen Öldrüsen. Geflecktes Johanniskraut - Hypericum maculatum Die Pflanze wird nur 15-40 cm hoch. Sie hat einen hohlen Stengel mit 4 erhabenen Längsleisten. Die Blätter enthalten nur sehr wenig Ölpunkte. Berg-Johanniskraut - Hypericum montanum Kommt vorwiegend in höheren Lagen vor. Hat einen ganz runden, aufrechten Stengel. Die Blätter sind behaart und nur die oberen besitzen Öldrüsen. Seine Kronblätter sind blaßgelb. Höhe 30-60 cm. Niederliegendes Johanniskraut - Hypericum humifusum Wie der Name sagt, hat diese Art kriechende Stengel. Es wird kaum höher als 15 cm. Sein Stengel ist rundlich bis zweikantig. Behaartes oder Rauhes Johanniskraut - Hypericum hirsutum Die Pflanze ist überall weich-wollig behaart, der Stengel ist rund und aufrecht und erreicht eine Höhe bis 120 cm. Schönes Johanniskraut - Hypericum pulchrum Es unterscheidet sich von den anderen Arten durch seine am Grunde herzförmigen Blätter. Sein Stengel ist rund und wird bis 50 cm hoch. Die Knospen sind außen auffällig rot, die Kelche drüsig bewimpert. Geflügeltes Johanniskraut - Hypericum tetrapterum Sein Stengel ist rundlich-eckig mit vier breiten Flügeln. Es erreicht eine Höhe bis zu 60 cm. Blätter und Blüten haben wenig Öldrüsen. | |