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KAMILLE

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Chamomilla recutita (L.) Rauschert
Familie der Korbblütler - Asteraceae

Die Kraft das Weh im Leib zu stillen, verlieh der Schöpfer den Kamillen. Sie blühte und warten unverzagt auf jemand, den das Bauchweh plagt. Der Mensch jedoch in seiner Pein glaubt nicht an das, was allgemein zu haben ist. Er schreit nach Pillen. Verschont mich, sagt er, mit Kamillen, um Gotteswillen!" Es gibt wohl kaum einen Menschen, dem der Duft von Kamillenblüten nicht schon seit frühester Kindheit bekannt ist, der sich mit bestimmten Bildern und Gefühlen verbunden hat. Es ist ein wohltätiger Duft, warm und Heilung versprechend. Den meisten von uns wird zuerst die dampfende Tasse Kamillentee einfallen, die die Mutter ans Bett brachte, um die Bauchschmerzen zu heilen.
Wie vielen Menschen hat die Kamille schon vom Säugling bis ins hohe Alter Schmerzen gestillt, Krämpfe genommen und Wunden geheilt! Sie bietet ihre Hilfe schon lange an, denn sie begleitet uns seit der jüngeren Steinzeit. Aber inzwischen sind wir mißtrauisch geworden. Eine Pflanze, die soviel heilen kann, wie von ihr behauptet wird, ein Allheilmittel, das können wir heute nicht mehr ernst nehmen. Karl-Heinz Waggerl hat es schon richtig gesagt, " der Mensch glaubt nicht an das, was allgemein zu haben ist". Pillen müssen es sein, und jetzt glauben wir an Allheilmittel und fragen nicht nach ihren Nebenwirkungen. Und doch täte es in vielen Fällen auch eine Tasse heißer Kräutertee und ein bißchen mehr Aufmerksamkeit und Verständnis für unseren Körper und seine Signale.
Und doch haben wir die jahrtausendelange Hilfe der Kamille nicht vergessen, irgendwo in jedem Küchenschrank steht doch noch ein Päckchen Kamillenblüten, an das man zuerst denkt, wenn jemand Bauchschmerzen hat oder sich einfach schlecht fühlt. Was heute an Kräutertees über den Verkaufstisch der Apotheken und Kräuterhäuser gereicht wird, das ist in den meisten Fällen Kamillentee. So viele können es dann doch nicht sein, die von Kamillen verschont bleiben wollen.
Die Heilwirkung der Kamille ist nicht einmal von wissenschaftlicher Seite umstritten, so wie es vielen anderen alten Heilpflanzen geht. Im Gegenteil, ihre Wirkungen sind voll bestätigt worden. Und niemand wurde dabei groß überrascht, denn das, was man seit einigen Jahrtausenden durch Erfahrung wußte, hat die chemische Analyse bestätigt. Die alten ägyptischen, arabischen, babylonischen, griechischen und römischen Heilkundigen, sie alle haben die Kamille genauso angewendet wie wir es heute noch tun, und wir können annehmen, daß dies auch für unsere steinzeitlichen Vorfahren galt.
Der lateinische Gattungsname " matricaria" weist uns auf das wichtigste ursprüngliche Anwendungsgebiet der Kamille. "Matricaria" ist abgeleitet vom lateinischen mater = Mutter und matrix = Gebärmutter. Die Kamille wurde bei Krankheiten des Wochenbetts verwendet, zur Behandlung der Säuglinge und Kleinkinder. Das " Kraut der Mutter" (vielleicht sollten wir die Kamille " Mamille" nennen) hilft bei Störungen in der Schwangerschaft, bei der Geburt und danach im Wochenbett, denn es wirkt entzündungshemmend, schmerzstillend und desinfizierend. Den Säuglingen und Kleinkindern nimmt es die Bauchbeschwerden und Krämpfe, die Schmerzen beim Zahnen und heilt die wunde Haut.
Wir kennen heute den Hauptwirkstoff der Kamille. Es ist ein ätherisches Öl mit Azulen. Dieses Öl wird durch Wasserdampfdestillation der Blüten gewonnen, und erst durch diesen Vorgang verwandelt sich der Vorstoff in das tiefblaue Chamazulenöl. Dieses Öl desinfiziert, wirkt entzündungshemmend und beruhigend. Es lindert Schmerzen und stillt Krämpfe. Der Duft dieses Öls ist warm und erinnert etwas an Äpfel. Diese leichte Ähnlichkeit mit Apfelduft hat zum heutigen Namen " Kamille" geführt. Kamille leitet sich her aus dem lateinischen "camomilla", das seinerseits eine Abwandlung des lateinischgriechischen "chamaelan" ist. "Melon" heißt der Apfel und "chamai" bedeutet "auf der Erde".
Die Kamille enthält jedoch noch eine weitere Anzahl wichtiger Heilstoffe wie Flavone, Bitterstoffe, Gerbstoffe und Cumarin, die darauf hinweisen, daß die Kamille ein Heilmittel für Magen und Darm ist, daß sie entzündete Schleimhäute heilen kann. Der Bedarf an Kamillen ist groß und kann durch Anbau in unserem Land nicht gedeckt werden. Nur noch wenige Kräuter werden bei uns angepflanzt, da es wesentlich billiger ist, sie einzuführen. Kamillenblüten werden hauptsächlich aus dem Balkan, aus Italien und Südamerika eingeführt. In vielen der Importländer, aus denen wir unsere Kräutertees beziehen, werden Pflanzenbehandlungsmittel verwendet, die wegen ihrer Giftigkeit für den Menschen bei uns inzwischen verboten sind. Unsere "Moral" verbietet es nicht, diese Stoffe weiterhin zu erzeugen und in die Länder der dritten Welt auszuführen. Über die Produkte dieser Länder - Kaffee, Obst, Kräuter, Tee - gelangen diese gefährlichen Schadstoffe wie z. B. DDT zurück auf unseren Tisch, und niemand braucht sich darüber zu wundern, warum in der Muttermilch soviel DDT enthalten ist. Die Heilkräuter in der BRD unterliegen keinem Gesetz, das sich auf diese Rückstände bezieht. In Kamillenblüten wurden bei Proben 1972/74 hohe Rückstände an chlorierten Kohlenwasserstoffen gefunden. (Siehe "Chemie in Lebensmitteln", Katalyse-Umweltgruppe Köln, Verlag Zweitausendeins, Frankfurt (1982. )
Jeder, der einen Garten hat, kann sich seine Kamillen selbst anbauen. Es ist nicht schwer und eine Fläche von 2 qm2 reicht aus, um einen Familienbedarf zu decken. Kleinere Mengen Kamillen kann man sich auch selbst sammeln.
Die Kamille, die in großen Monokulturen angebaut wird, wird mit dem hochgiftigen Vietnam-Gift agent-orange entlaubt, um so die Blüten besser mit Maschinen ernten zu können. Deshalb rate ich, Kamillenblütentee wie auch Kamillenöl nur aus biologischem Anbau über den Naturkostladen zukaufen.
Wer früher Kamillen sammeln wollte, der steuerte zuerst einmal das nächste Getreidefeld an. Denn die Kamille ist beziehungsweise war ein sogenanntes Getreideunkraut. Wie unwissend wir doch Pflanzen Unkraut schimpfen und erkennen dabei nicht, daß diese oft wichtige Heilpflanzen für den Boden sind. Unkräuter, so hat sich herausgestellt, können das Wachstum anderer Pflanzen günstig beeinflussen, Störungen im Mineralgleichgewicht beheben, Bodentoxine abtöten. Die Kamille, als uralte Begleitpflanze des Getreides beeinflußt günstig das Wachstum und den Ertrag der Weizenähren. Gleichzeitig haben Kamillen, die im Getreidefeld wachsen, den höchsten Wirkstoffgehalt.
Aber wir suchen heute in unseren Getreidefeldern vergeblich nach Kamille. Sie reagiert sehr empfindlich auf chemische Düngung und Unkrautvertilgungsmittel. Sie ist aus unseren Getreidefeldern verschwunden.
So müssen wir die Kamille an anderen von ihr bevorzugten Plätzen sammeln: an Wegrändern, auf Wiesen, auf Schuttplätzen und Ödland. Im zeitigen Frühjahr, wenn die Pflanze noch nicht blüht, sind wir sicher schon an ihr vorbeigelaufen, ohne sie erkannt zu haben. Den meisten ist nur ihre Blüte bekannt, der Rest der Pflanze ist "etwas Grünes". Ich habe in meinem Garten ein Kamillenbeet und konnte die Pflanzen genauer beobachten. Aus dem Samen der verblühten Pflanzen bilden sich schon im Herbst überall im Garten verteilt kleine Kamillenpflänzchen. Es tut mir richtig leid, viele davon ausrupfen zu müssen, aber täte ich es nicht, hätte ich bald nur noch einen Karnillen-Kräutergarten. Ich erkenne die Pflänzchen an ihren kleinen, zarten Blattrosetten. Sie sind aus feinzerteilten, filigranen Blättchen zusammengesetzt und nicht rauh wie die ähnlich geformten Schafgarbenblätter, sondern sie fühlen sich weich, fast fett an. Wenn man sie zerreibt und unter die Nase hält, riechen diese Blätter wirklich nicht nach Kamillen, eher nach Spinat. Diese feinen Rosetten überwintern bis zum nächsten Frühjahr, der schwerste Schnee, der kälteste Frost kann ihnen nichts anhaben. Wenn die Sonne dann wieder an Kraft gewinnt, treiben sie aus der Rosette einen hellgrünen, kahlen, runden, fleischigen Stengel, der bis zu 50 cm hoch werden kann. Dieser Stengel verzweigt sich immer wieder in Seitenäste, von denen viele aus den Blattachseln entspringen.
Die fein gegliederten Blätter sind doppelt bis dreifach gefiedert, sie bestehen mehr aus Zwischenräumen als aus Blatt. Ihr Grün ist freundlich-hell mit viel Gelb beigemischt. Durch die geteilten, fast nur angedeuteten Blätter wirkt die Pflanze leicht und durchlüftet, als scheue sie den schweren Kontakt mit der Erde. Auf grazilen, dünnen Stengeln am oberen Ende schweben die schönen Kamillenblüten. In ihnen steckt die ganze Liebe der Pflanze zur Sonne, und wie kleine Sonnen sind sie geformt mit einem goldgelben Zentrum, umstrahlt von weißen Blüten. Und diese Blüten strömen den uns bekannten Kamillenduft aus, ein Duft wie die Süße des Sommers, wärmend und weich. Wir können "erschnuppern", welche Wirkung diese Pflanze auf unseren Körper hat, sie besänftigt und macht weich.
Die anfangs flachen Blütenkörbchen wölben sich im Verlauf ihrer Blütezeit immer mehr und die weißen Randblüten neigen sich nach unten. Wenn wir eine Blüte mit dem Daumennagel in der Mitte durchtrennen, sehen wir, daß das Blütenkörbchen in seinem Innern hohl ist, als wolle auch die Blüte wie die Blätter etwas Luftigkeit in sich haben. Von Mai bis August erscheinen immer wieder kleine Blütensonnen, bis auch die letzte ihre Samen gebildet hat. Die Früchte der Kamille sind kleine gekrümmte Gebilde, feucht und schleimig. Sie fallen auf den Boden und keimen bald zu den kleinen Rosetten. Die Mutterpflanze stirbt ab. Die Kamille hat einige Doppelgängerinnen, mit denen sie oft verwechselt wird. Ein sicheres Unterscheidungsmerkmal der echten Kamille im Unterschied zu den falschen Kamillen ist ihr hohler Blütenboden, ihr stark aromatischer Duft, die zurückgeschlagenen weißen Randblüten gegen
Ende der Blütezeit.
Am leichtesten kann man die echte Kamille mit der Hundskamille, Anthemis arvensis, verwechseln. Die Hundskamille ist in Deutschland sogar noch häufiger als die echte Kamille. Ihr Name kommt daher, daß sie etwas nach Hundeurin riecht. Sie wird 20-50 cm hoch und ihre Blüten sind auch in gelben Körbchen von weißen Zungenblüten umfaßt. Ihr Blütenkorb ist wenig oder kaum nach oben gewölbt und innen nicht hohl, sondern markig gefüllt. Die weißen Blütenblätter stehen horizontal. Sie hat ungeteilte, ein- bis dreizähnige, grüne weichhaarige Blätter. Ein letztes sicheres Unterscheidungsmerkmal entdecken wir bei genauerem Hinsehen. Neben jeder Einzelblüte auf dem Blütenboden steht ein kleines, schuppenförmiges Spreublättchen. Dieses fehlt bei der echten Kamille. Die Hundskamille wird medizinisch nicht verwendet.
Die geruchlose oder falsche Kamille, Matricaria inodora, sieht der echten Kamille ebenfalls sehr ähnlich. Sie riecht, wie ihr Name verrät, nur ganz leicht nach Kamille. Sie ist außerdem größer, bis 60 cm, viel derber. Auch sie hat ge1be Röhrenblüten und weiße Zungenblüten. Ihr Blütenboden ist gefüllt. Diese Kamille wird zum Heilen nicht verwendet.
" Von der Kamille, die ihre weißen Blüten verloren hat", so könnte ein Märchen über die strahlenlose Kamille, Matricaria discoidea, überschrieben sein. Die Geschichte von dieser Kamille ohne Strahlen würde uns zuerst in ihre ursprüngliche Heimat führen, nach Ostasien und Nordamerika. Sie würde uns zurückführen in die Mitte des letzten Jahrhunderts, als sie über das Meer mitgebracht wurde in unser Land. Genauer gesagt nach Berlin, in den alten Botanischen Garten, mitten in der Stadt gelegen. Und sie würde erzählen, wie sie dann- ausgebrochen ist, sich über die Wege durch die ganze Stadt verbreitet hat, dann hinaus aus der Stadt und über das ganze Land. Heute finden wir sie überall. Sie trägt keine weißen Strahlenblüten, sondern gibt sich mit unscheinbaren grüngelben, stark gewölbten Blütenköpfchen zufrieden. Sie wirkt viel derber und gedrungener und wächst eng am Boden. (Vielleicht hat sie sich bei ihrer Flucht zu stark geduckt.) Ihr Blütenboden ist hohl wie bei der echten Kamille. Ihr ätherisches Öl enthält kein Azulen, deshalb wirkt sie nicht entzündungshemmend. Sie hat aber andere Stärken, denn sie hat sich als gutes Wurmmittel, besonders gegen Spul- und Madenwürmer bewährt. (3-4 Tassen Tee täglich.) Die römische Kamille, Anthemis nobilis, werden wir wohl selten in freier Natur antreffen. Sie war ursprünglich nur im Mittelmeergebiet beheimatet und wird bei uns seit dem 16. Jahrhundert kultiviert. Sie ist eine beliebte traditionelle Pflanze der Bauerngärten und sie hat eine schöne Form mit ihren gefüllten weißen Blüten. An einem sonnigen, warmen Plätzchen kann man sie leicht ziehen. Sie wird eine 20-30 cm hohe Pflanze mit behaartem Stengel. Ihre Blätter sind doppelt fiederspaltig. Ihr Blütenboden ist kegelförmig und innen gefüllt. Sie hat weiße, breite Strahlenblüten. Wie die echte Kamille strömt auch sie einen angenehmen aromatischen Duft aus, der seine Heilkraft besonders über das ätherische Öl vermittelt.

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