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KÖNIGSKERZE

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Verbascum phlomoides L. und Verbascum densiflorum Bertol.
Familie der Rachenblütler (Braunwurzgewächse) - Scrophulariaceae

"Mit Königskerzen ist nicht zu spaßen. Unsereiner sollte die Hand davon lassen, obwohl der König doch keine Kerze braucht, die wie ein' Talglicht flackert und raucht. Eine Magd hat einmal eine angezunden, wurde aber dann von keinem Prinzen entbunden, sondern hat das Kind nach dem Vater genannt. War Fuhrknecht. Weiter nirgends bekannt.
Karl-Heinrich Waggerl
Man kann über so manche unscheinbare und doch wertvolle Heilpflanze hinweggehen, ohne sie zu bemerken, aber an einer Königskerze kommt niemand vorbei, ohne nicht wenigstens einen Blick auf sie zu werfen. Kerzengerade erhebt sich diese stattliche Pflanze weit über das Grün der anderen Pflanzen, und manchmal ist sie sogar größer als wir selbst. Beim näheren Hinschauen leuchten uns die einzelnen goldgelben Blüten wie kleine Lichter entgegen. Sie sind eine über der anderen rund um den hohen Stengel aufgereiht. Nicht alle blühen zur gleichen Zeit, kaum ist eine "erloschen", geht schon das nächste kleine Licht auf. Ich finde, es gibt kein freundlicheres, wärmeres Gelb als das der Königskerzenblüten. Die heilige Hildegard hat schon vor 800 Jahren die Königskerze Menschen verordnet, die ein trauriges Herz haben: "Wer ein schwaches und trauriges Herz hat, soll Königskerze zusammen mit Fleisch und Fischen oder Kuchen kochen und essen, dann wird sein Herz gekräftigt und wieder freudig werden." Vielleicht hängt diese Rezeptangabe mit der freudigen und warmen Sonnenfarbe der Königskerzenblüten zusammen.
Und diese Blüten duften auch noch! Ganz zart wie gelbe Rosen an einem Sommermorgen. Im Gelb der Blütenblätter gibt es noch eine Überraschung. Die fünf Staubblätter tragen orangefarbenen Blütenstaub, der in wunderschönem Kontrast zum warmen Gelb steht. Zwei davon sind etwas länger und die drei kleineren tragen dicke weiße Bärte. Auf diese lustigen Bärte bezieht sich der lateinische Name der Königskerze, " Verbascum", der abgeleitet ist vom lateinischen " barbascum" (barba = Bart). Bevor die Königskerze ihre stattlichen Blütenkerzen gen Himmel reckt, nimmt sie sich das erste Jahr Zeit, um eine Blattrosette zu entwickeln. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich zum erstenmal bewußt die Königskerzenblätter sah. Sie hingen als große Rosetten an einer steilen Böschung, die Blätter wunderschön angeordnet wie zu einem vielblättrigen Lotusmandala. Sie fühlen sich an wie Hasenohren, ganz samten und weich. Wenn man genauer hinschaut, erkennt man einen wolligen Haarpelz, der das Blatt einhüllt. Er hat der Königskerze übrigens zu ihrem Namen " Wollkraut" verholfen. Durch dieses filzige Haarkleid schützt sich die Pflanze vor zu starker Verdunstung, so daß sie auch an sonnigen, sehr trockenen Orten leben kann. Sie liebt solche trockenen, heißen Standorte, wie Kiesgruben, Böschungen, Straßenränder. Die haarigen Blätter hat man in früheren Zeiten getrocknet, in Streifen geschnitten und als Dochte in Lampen gesteckt. Zerstoßen ergaben sie einen guten Zunder, denn die feinen Härchen entzünden sich leicht. Der Name Königskerze hatte damals eine ganz praktische Bedeutung, denn der Stengel der Pflanze wurde als Kerze beziehungsweise als Fackel gebraucht. In Öl, Harz, Pech oder Wachs getaucht, brennt die Königskerze lange. Sie scheint dafür viel verwendet worden zu sein, denn man hat ihr damals den Namen "herba lucernaria" _ Lampenkraut verliehen. Königskerzen kennt jeder, doch wenige wissen etwas von ihrer alten Geschichte. Unsere Vorfahren sahen in der Königskerze einen hilfreichen Geist, der in vielen Nöten helfen konnte. So war diese Pflanze schon seit Urzeiten eine Zauberpflanze, ihr alter Name " Unholdenpflanze" bezieht sich auf diese Kräfte. Die Königskerze, so glaubte man, kann Unholde fernhalten und bösen Zauber abwehren. Als Amulett am Körper getragen, kann sie vor vielen Krankheiten schützen. Dafür mußte die Wurzel an einem ganz bestimmten Tag gestochen werden, wenn die Kräfte des Himmels beziehungsweise der Planeten den Kräften der Königskerze entsprechen und sie verstärken. Eine genaue Anweisung zur Herstellung solch eines Amuletts aus der Wurzel der Königskerze hat Johann Schroeder im Jahre 1685 in seinem "Höchstkostbarem Arzeney-Schatz" niedergeschrieben. So nebenbei verrät er uns auch noch etwas über mittelalterliche Verhütungsmittel:
"Sie tauget auch in allen Catharren / als ein kräfftiges Amulet, besonders die Wurzel, die durch diesen Sommer durch nicht geblühet / wann man sie hat einsammel wollen. Man sammelt sie aber an einem Freytag (an dem letzten Freytag im abnehmendem Mond) vor Aufgehen der Sonnen / zwischen dem 15. Augusti und B. Septembr bey abnehmendem Mond / 'dann tröcknet man die gereinigte Wurzel an einem schattichten Ort. Wann man ein Stücklein derer in Gold wickelt und an den Hals henget / so hat sie wunderbahre Krafft wider alle Flüß des Leibes. Denen Weibsbildern aber tauget sie nicht / dann sie verhindert die Empängnüs / als lang man sie träget / wann man sie aber hinweg thut / so kan man schon empfangen. "
Der Glaube an eine geheimnisvolle Verbindung der Königskerze mit dem Wetter hat sich bis heute gehalten. Noch manche Bauern lassen Königskerzen neben dem Hof stehen, denn sie. behaupten, diese hielten den Blitz vom Haus. Die "Wetterkerzen", wie die Königskerzen in ländlichen Gegenden noch genannt werden, darf man nicht ohne Grund abreißen und ins Haus bringen. Der Blitz wird dann sicher bald einschlagen. Vielleicht wurde die Königskerze von den Priestern der alten Kulturen für Wetterzauber verwendet, und die Erinnerung daran hat sich über viele Generationen erhalten.
Die tiefen Wurzeln der alten Zauberpflanze Königskerze, die weit in unsere Geschichte zurückreichen, scheinen noch immer in unserem Innern zu liegen. Beim alten Brauch der Kräuterweihe spielt sie eine dominierende Rolle. Die Ursprünge dieses Rituals sind verlorengegangen. Sie reichen weit zurück bis zu den Urmysterien der Menschen. In den ländlichen Gegenden Süddeutschlands ist dieser Brauch jedoch nie verlorengegangen 'und findet gerade in unserer Zeit wieder neue Freunde. Die Zeit zwischen dem 15. August (Mariä Himmelfahrt) und dem B. September (Mariä Geburt) wurde der "Frauendreißiger" genannt und galt seit jeher als besonders günstige Zeit zum Kräutersammeln. Diese Zeit beginnt mit der Weihe eines Kräuterbüschels in der Kirche am 15. August. Daß es sich hier ursprünglich um ein bewußt magisches Ritual handelt, darauf deutet die genau vorgeschriebene Anzahl der Kräuter. Der Büschel durfte nur 9, 15, 77 oder 99 Kräuter beinhalten. Dies sind alte magische Zauberzahlen, deren rituelle Verwendung sich bis in babylonische und assyrische Zeit zurückverfolgen läßt. Für den Kräuterbüschel dürfen aber nicht irgendwelche Pflanzen verwendet werden, sondern sie waren genau vorgeschrieben. Es ist auffällig, daß es sich dabei immer um alte Zauberpflanzen handelt, viele, die besonders zum Wettermachen und als

Gegenzauber verwendet wurden. In der Mitte des Büschels thront die schöne Königskerze, um sie herum sind die anderen Pflanzen gruppiert. Für den "Neunerlei" gibt es noch Johanniskraut, Tausendgüldenkraut, Schafgarbe, Kamille, Wermut, Baldrian, Pfefferminze und Arnika. Diese Pflanzen sind alle starke Heilpflanzen, man kann mit den neunerlei Pflanzen schon eine gute Kräuterapotheke ausrüsten. Die Zusammensetzung der "Neunundneunziger" ist weniger bekannt, ich möchte noch einige Pflanzen daraus anführen. Kunigundenkraut (Eupatorium cannabinum), Eberraute (Artemisia abrotanum), Alant (Inula helenium), Labkraut (Galium verum), Rainfarn (Chrysantemum vulgare), bittersüßer Nachtschatten (Solanum dulcamara), Dost (Origanum vulgare), Raute (Ruta graveolens), Odermennig (Agrimonia eupatoria), Türkenbund (Lilium martagon), Farnkraut (Dryopteris filix-mas), Hauhechel (Ononis spinosa).
Der geweihte Kräuterbüschel bekommt noch heute in den Bauernstuben einen Ehrenplatz. Früher hat man bei Heranziehen eines Gewitters etwas davon ins Herdfeuer geworfen, um das Haus vor Blitz zu schützen. An Drei Könige wurden die Kräuter in einer Glutpfanne angezündet und damit das Haus ausgeräuchert. Unsere Vorfahren drückten im Brauch der Kräuterweihe ihren Dank für diese heilenden Pflanzen aus und baten um Segnung der weiblichen Gottheit, der die Kräuter unterstanden. Die christliche Mythologie hat die Königskerze Maria unterstellt. Als "Himmelsbrand", wie die Königskerze genannt wird, segnet Maria damit das Land.
"Unsere liebe Frau geht über das Land,
Sie trägt den Himmelsbrand in ihrer. Hand. "

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