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KUNIGUNDENKRAUT

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Eupatorium cannabinum L.
Familie der Korbblütler - Asteraceae (Compositae)

Das Kunigundenkraut gehört zu den vergessenen Heilpflanzen. Einst ein bekanntes Heilmittel, kennen es heute nur noch wenige. Es ist eine Pflanze des Elementes Wasser, und überall dort, wo es wäßrig-feucht ist, sind seine bevorzugten Standorte. Es ist eigentlich nicht zu übersehen. Drunten am Bach steht es büschelweise. Ich habe es schon seit einigen Wochen beobachtet, wie es seine großen handförmigen Blätter ganz spitz von sich gespreizt an dem hohen Stengel fein säuberlich nebeneinander aufreiht. Dieser feingliedrigen Blätter wegen hat es seinen Namen " Wasserhanf" bekommen, denn sie ähneln denen des Hanfs. Da sie obendrein auch noch denen des Dostes gleichen, hat man das Kunigundenkraut auch Wasserdost genannt. Ende Juli ist es dann so hoch über den feuchten Grund hinäufgewachsen, daß es sich getraut, die luftigen Blüten zu entfalten. Sie sind in feines Violett getaucht, mit einem zarten Schimmer Bordeauxrot. Diese Blüten lockern das strenge Bild der etwas dunklen Blätter wieder auf.
Die schirmförmigen großen Blüten sind aus Hunderten von kleinen Köpfchen zusammengesetzt. Jedes von ihnen enthält wieder meist fünf schmale Röhrenblütchen, die in einer grünen Hülle stecken. Die Gäste der Blüten des Kunigundenkrautes sind eine bunt gemischte Gesellschaft. Ich sehe Bienen, Hummeln, Fliegen, verschiedene Käfer und immer wieder schöne Falter. Später im Herbst wird sich die Blüte ganz in Luft auflösen, unzählige kleine Samenfrüchtchen werden an haarigen, winzigen Fallschirmen durch die Luft das Weite suchen.
Dem Kunigundenkraut sagte man eine Verbindung mit weit größeren Tieren als diesen kleinen, vielbebeinten Nektarsuchern nach. Wieder sind es die alten Namen, die uns dieses Tier verraten: Hirschklee, Hirschwundkraut, Hirschheil. Zur näheren Erklärung dieser Verbindung zwischen Tier und Pflanze befragen wir lieber einen Gewährsmann, der in einer Zeit gelebt hat, in der man über solch seltsame Dinge noch mehr wußte. Fragen wir Tabernaemontanus, den Kräuterheilkundigen des 18. Jahrhunderts:
" Dann es ist von den Jägern wahrgenommen worden / daß die verwundten Hirtz das Kurrigundenkraut essen / und sich damit heilen / daher es auch Hirtzwundkraut genandt ist worden. "
Es war sicher nicht das erstemal, daß der Mensch von den Tieren, die ganz instinktiv bei einer Krankheit die richtigen Kräuter aufsuchen, eine Heilpflanze erkannt hat. Der Jäger, der die verwundeten Hirsche beobachtet hat, wie, Tabernaemontanus berichtet, gebrauchte vielleicht dasselbe Kraut bei einer Gelegenheit zu Hause und stellte fest, daß es wirklich ein Wundkraut ist. In der heutigen Naturheilkunde wird dieses alte Wissen weiterverarbeitet und neu bestätigt: Kunigundenkraut ist in vielen Naturheilmitteln zur Stärkung des kranken Körpers enthalten. Besonders den Hirschen sprach man in früheren Zeiten die Gabe zu, verborgene Heilquellen und Heilpflanzen zu finden. Der Hirsch war bei den Germanen ein heiliges Tier, dem Gott Freyr geweiht. Sein Geweih sah man als Art "Antenne", mit der er mit höheren Kräften in Verbindung treten kann. Auch dies hat die christliche Mythologie übernommen mit der Sage vom heiligen Hubertus, der ein Kreuz im Geweih des Hirsches erblickte. Heute ziert der Hirsch mit dem weißen Kreuz zwischen seinen Geweihantennen nur noch die Flaschen eines Magenbitters. Wir könnten sicher noch heute etwas über den Gebrauch von Heilpflanzen lernen, wenn wir die Tiere genauer beobachteten. In unserer Zeit hat man so z. B. das sehr wirksame Leberheilmittel Boldo (Peumus Boldus Molina) entdeckt, ein in Südamerika beheimateter Strauch. Man hatte leberkranke Schafe in eine Umzäunung gesperrt und sich gewundert, warum diese Tiere so schnell wieder gesund wurden. Dann entdeckte man, daß sie reichlich von der Boldohecke, die das Grundstück umgab, gefressen hatten. Und wirklich, auch beim Menschen kann Boldo die Leber und Galle heilen. Tierforscher haben auch in unserer Zeit Beobachtungen gemacht, wie kranke Tiere ganz instinktiv Pflanzen fressen, die sie sonst stehen lassen. So gebrauchen viele Vögel Ameisengift als ein Mittel gegen Rheuma, Wölfe mit verdorbenem Magen fressen brechreizerregende Pflanzen, verletzte Gemsen wälzen sich auf Alpenwegerich, und Schafe fressen bei Darmstörungen Schafgarbe. Diese Liste läßt sich noch um einige Beispiele erweitern, und sicher gibt es einige unter den Lesern dieser Zeilen, die selbst auch schon solche Beobachtungen gemacht haben: Den heutigen Namen des Kunigundenkrautes erhielt es von einer Heiligen des 13. Jahrhunderts, der heiligen Kunigunde. Sie war die Gemahlin Heinrichs I. und gilt als Mitbegründerin des Bamberger Doms.
Ihr ist der 3. März jeden Jahres geweiht, der Kunigundentag. Dieser Tag spielte eine wichtige Rolle in der bäuerlichen Wetterprognose.
" Wenn die Kunigunde friert, sie's noch 40 Nächte spürt."
oder
"Wenn.'s donnert an Kunigund und Cyprian Mußt oft die Handschuh noch ziehen an. "

Der Kunigundentag wie auch das Kunigundenkraut scheinen eine Beziehung zum Wetter gehabt zu haben, denn einige alte Namendieses Krautes lauten: Blauwetterkühl, Donnerkraut, Wetterbusch und Wetterkaltkraut. Das Kunigundenkraut wurde wie die Königskerze früher zum "Wettermacken" verwendet. Vielleicht hat man mit der Pflanze am Kunigundentag ein bestimmtes Ritual vollzogen, um das Wetter günstig zu beeinflussen. Viele der alten Wetterrituale fanden gerade zur Zeit der ersten Aussaat, zu Beginn des Jahres auf dem Felde und im Garten statt.
Unsere Vorfahren, von grauester Vorzeit bis weit in unsere Zeit hinein, haben geglaubt, daß der Mensch durch magische Handlungen das Wetter beeinflussen kann. Jede Kultur hatte ihren Regenmacher und Wetterzauberer, der Kontakt aufnehmen konnte mit den Kräften, die das Wetter beeinflussen. Diese Kräfte sah der Mensch personifiziert in Gestalt von bestimmten Göttern. Bei den Griechen waren es Zeus und Iris, bei den Germanen Dönar und Frau Holle. Eine bekannte Wetterfee aus unserem Kulturkreis, die Regentrude, hat Theodor Storm in seinem gleichnamigen Märchen noch einmal erweckt. Noch heute .gibt es in schamanistischen Stämmen "praktizierende Regenmacher", die es sich nicht leisten können zu versagen, denn sie werden sonst abgesetzt.
Die Kirche konnte diese alten Bräuche nicht ausrotten, bis in unsere Zeit hinein gibt es noch Wettersingen, Wetterreiten, Wetterglocken, Wettergebete.
Von unseren keltischen Vorfahren wissen wir, daß sie Cerunnos, den Gott mit dem Hirschgeweih anriefen, wenn sie um günstiges Wetter baten. Cerunnos ist eine der ältesten uns bekannten Gottheiten im europäischen Raum, wir finden ihn schon auf steinzeitlichen Höhlenmalereien abgebildet. Die Druiden, die keltischen Priester im nördlichen Europa, wurden Cerunnes = Hirsch genannt. Die Hirschgeweihe, die sie bei Ritualen und Festen trugen, sollten ihre Verbundenheit mit den Kräften des Kosmos symbolisieren. Wenn die Cerunnes den Wettergott um günstiges Wetter anriefen, so brachten sie ihm auch verschiedene Opfer und gebrauchten bestimmte Pflanzen für ihren Wetterzauber. Ob wohl auch das Kunigundenkraut beziehungsweise das Hirschkraut oder Blauwetterkühl zu diesen magischen Wetterpflanzen gehört hat?

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