| |
Wenn der Mai die Wiesen in goldblühende Löwenzahnteppiche verwandelt, dann ist es, als wäre die Sonne selbst auf die Erde gefallen. Tausende und aber Tausende Blüten öffnen sich dem Licht, so daß jeder weiß, jetzt ist es Frühling; und das Versprechen des nahenden, warmen Sommers liegt in der Luft. Wer käme aber auf die Idee, einen Geburtstagstisch im Mai mit einem Strauß Löwenzahnblumen zu schmücken? So schön die gelben Blüten von weitem aussehen, es ist doch ein "Unkraut", das zudem noch massenweise auftritt. Irgendwie mutet uns diese Pflanze primitiv an, derb und fleischig. Und trotzdem haben wir sie alle seit frühester Kindheit in unser Herz geschlossen. Da sind wir schon mitten im gegensätzlichen Wesen des Löwenzahn - oder vielleicht können wir nur das Wesen dieser Pflanze nicht ganz erkennen? Die Löwenzahnpflanzen sehen alle gleich aus, so wie man es eben von einem "Massenunkraut" erwartet. . Vom Gegenteil dieses Vorurteils werden wir schnell überzeugt, wenn wir uns eine Löwenzahnwiese genauer anschauen. Wir werden nämlich keine zwei gleichen Blätter dieser Pflanze finden. Keines gleicht dem anderen, jedes hat seine eigenen Zähne, Buchten und seine Größe. Der Löwenzahn spielt mit der Form seiner Blätter in unzähligen, unzähnigen Variationen. Ganz sensibel reagiert er mit seiner Form auf Bodenbeschaffenheit, Standort, Klima, Licht und Schatten und sicher auch noch auf Faktoren, die wir nicht kennen. Seine Sensibilität und Wandlungsfähigkeit steht im Gegensatz zu seiner protzigen Vitalität und seiner Derbheit. An feuchten und schattigen Standorten habe ich schon Löwenzahnpflanzen entdeckt, deren Blätter ich erst nicht als Löwenzahnblatt identifizierte, sie waren fast ungeteilt. Oben im Gebirge auf steinigen Böden gibt es Löwenzahnpflanzen, die sind so scharf eingeschnitten, daß sie ihrem Namen alle Ehre machen, sie sind scharf und spitz wie Löwenzähne. Doch wir können noch mehr Gegensätzliches am Löwenzahn entdecken: Auf dem einfachen, röhrigen, derben Stengel (er knackt richtig hohl, wenn wir ihn brechen) sitzt eine wunderschöne Blütensonne. Vielleicht würden wir uns den Löwenzahn lieber in eine Vase stellen, wenn er etwas grazilere Stengel hätte. Die Blüte ist zwar schön gelb, doch sie duftet nicht so fein, wie wir es von einer Geburtstagsblume erwarten. Aber haben wir schon einmal die Sensibilität dieser Blüten wahrgenommen? Sie schwingen mit im Rhythmus des Tages, öffnen sich am Morgen bei Sonnenschein und schließen sich am Nachmittag oder bei Regen. Bei schlechtem Wetter öffnen sie sich nicht, lieber wollen sie geschlossen bleiben, als sich öffnen und die Sonne nicht sehen. Sogar der derbe, hohe Stengel achtet auf die Nachbarpflanzen und richtet sich in seiner eigenen Wuchshöhe nach ihnen. Zur Zeit der Reife, schließt sich der Hüllkelch um die Blüte, der Stengel wird immer länger, neigt sich, und der ganze Blütenkopf hängt traurig nach unten. Jetzt sieht es auf den Wiesen aus, als wären alle Löwenzahnpflanzen vom Erdboden verschluckt, die gelben Lichter sind erloschen, der weiße Wiesenkerbel hat die Wiesen weiß gemacht. Wenn die Löwenzähnfrüchte reif sind, hebt sich das Köpfchen wieder nach oben und öffnet sich wie eine Wundertüte zum schönsten Pflanzengebilde, das wir kennen. Das derbe Allerweltsunkraut hat unendlich zarte Kugeln gezaubert, zusammengesetzt aus feinen mattsilbernen Sternchen. Diese sitzen mit ihren dunklen Früchten auf einem gewölbten weißen Blütenboden. Der Wind darf die zarten Gebilde davontragen, und manchmal sieht es aus wie feiner Nebel über den Wiesen, wenn er gleich viele Kugeln berührt hat. Doch nicht nur die Schönheit und Wandlungsfähigkeit des Löwenzahns belehrt uns, ihn nicht mehr als Unkraut zu schimpfen, sondern wir schätzen ihn sicher noch mehr, wenn wir wissen, welch große Heilkräfte in ihm stecken. Er enthält vieles, was. unserem Körper guttut: Bitterstoffe, Cholin, Inulin, sehr viele Mineralien wie Kalzium, Natrium, Kieselsäure, Schwefel und in den frischen Blättern einen hohen Anteil an Kalium. Die Bitterstoffe wirken appetitanregend und verdauungsfördernd, Cholin wirkt auf die Gallenblase und den Darm. Es kann die Dickdarmschleimhaut erregen, weshalb der Löwenzahn abführend wirkt. Es hat außerdem einen Bezug zum Leberfettstoffwechsel. Unser täglicher Bedarf an Cholin beträgt 2-3 g, ein Mangel fördert die Verfettung der Leber. Der Löwenzahn kann die Produktion von Galle in der Leber anregen und den Abfluß der Galle aus der Leber fördern. Der Gallensaft, der von der Gallenblase in den Darm fließt, hilft uns dort, die Nahrungsfette zu zerlegen und für ihre Aufnahme in den Organismus vorzubereiten. Ohne ausreichenden Gallensaft haben wir keine normale Verdauung. So ist der Löwenzahn eine Heilpflanze bei allen .Leber- und Gallenstörungen. Löwenzahn sollte kurmäßig nicht bei Verschluß der Gallenwege, Eiteransammlung Inder Gallenblase und bei Darmverschluß angewendet werden. Am Gehalt des Inulins im Löwenzahn stoßen wir wieder auf einen der Rhythmen dieser Pflanze. Die Wurzeln, Hauptträger dieses Stoffes, enthalten im Frühjahr 1-2 % Inulin, im Herbst jedoch bis zu 40 %. Inulin kann den Kohlehydratstoffwechsel, besonders den Zuckerstoffwechsel, günstig beeinflussen. Sein hoher Inulingehalt macht den Löwenzahn zu einer Diät- und Heilpflanze für Diabetiker. Doch der Löwenzahn hat noch mehr gute Eigenschaften. Er kann unsere Nieren anregen, harnpflichtige Stoffe aus dem Körper auszuscheiden, er wirkt entwässernd und hilft so bei chronischen, rheumatischen und arthritischen Erkrankungen. Der Löwenzahn enthält in allen Teilen eine weiße Milch. Besonders reichlich ist sie in der Wurzel und in der Wand des hohlen Stengels enthalten. Wenn Kinder den Stengel aussaugen, können leichte Vergiftungserscheinungen auftreten wie Übelkeit, Erbrechen, Durchfall und Herzstörungen. Es wäre ungerecht, im Kapitel über den Löwenzahn nicht die Kinder zu erwähnen, denn er ist ihre Lieblingsblume. Ja er ist geradezu die erste Blume, die wir bewußt wahrnehmen. Was man aus dem Löwenzahn nicht alles machen kann, haben wir Erwachsenen schon längst vergessen: Wasserleitungen, Pfeifen, Trompeten, geflochtene Ketten, und wenn man die Stengel der Länge nach aufschlitzt und mehrere ins Wasser legt, dann ringeln und winden sie sich wie ein Knäuel kleiner Schlangen. Und überall aus dem Löwenzahn, besonders aus dem Stengel, tropft diese weiße Milch. Und wie schön ist es erst, Wind zu spielen und die vielen kleinen Fallschirmchen vom Stengel zu blasen. Wer schafft sie alle auf einmal? "Anastasia, dein Löwenzahntanz ist wunderbar!" | |