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In meinem Kräutergarten gibt es ein Beet mit gelben Heilpflanzen. Goldlack und Goldklee strahlen um die Wette, bei den Ringelblumen weiter hinten wird das Gelb immer saftiger bis hin zum satten Orange. Neben dem zarten Goldlack und dem feingliedrigen Goldklee wirkt die Ringelblume etwas plump. Da steht sie wie eine pausbäckige Küchenmamsell in weißer Schürze und mit roten Bäckchen. Alles an ihr ist rund und behäbig, fest verwurzelt, die hellgrünen Blattröcke schön übereinander geordnet. So schaut sie zuversichtlich und warmherzig zur Sonne hinauf. Sie hat diesen Ehrenplatz in meinem Garten verdient, denn sie kann auf eine lange Tradition als Heil- und Zierpflanze zurückblicken. Seit vielen Jahrhunderten durfte die freundliche Ringelblume in keinem Bauerngarten fehlen, und sicher kochte die Bäuerin, in deren Gärten sie angepflanzt war, aus ihren Blüten eine Salbe für die Menschen und Tiere des Hofes als ein gutes Heilmittel. Die Ringelblume trägt viele Namen, die uns etwas über ihre Geschichte und Bestimmung verraten. Wenn wir Ringelblumen in unserem Garten anpflanzen und ihr Wachstum beobachten, so werden wir sicher ihren .Namen " Wucherblume" gut verstehen: Kaum sind die seltsam geringelten Samen (daher Ringelblume) in der Erde, erscheint schon das erste Blättchen. Die Ringelblumenblätter fühlen sich richtig saftig und fleischig an. Ist dann später eine der Blüten verwelkt, fängt schon gleich die nächste an sich zu beeilen, die Sonne zu begrüßen. So geht es unaufhörlich weiter, vom frühen Juni angefangen bis zum Ende des Herbstes, und hat sie das Wetter nicht zerschlagen, so blüht die Ringelblume noch im November und Anfang Dezember. Die Ringelblume wächst nicht, sondern sie wuchert. Von dieser Blühkraft so viele Monate hindurch hat sie ihren lateinischen Namen Calendula erhalten. Calendula ist abgeleitet vom lateinischen "calendae", dem ersten. Tag im Monat, und da die Ringelblume an so vielen calendis = Monaten blüht, hat man sie Calendula genannt. Die Ringelblume hat seit langer Zeit außer den Bauernund Heilpflanzengärten einen weiteren Stammplatz. Ihr Name "Totenblume" soll uns diesen verraten. Dort, wo der Tod sein unwiderrufliches Machtwort gesprochen hat, auf den Gräbern der Friedhöfe, dort ist auch schon seit sehr langer Zeit die Ringelblume heimisch. Hier haben sie die Menschen gepflanzt, damit sie mit ihrer unerschöpflichen Vegetationskraft ein Zeichen des ewig dauernden Lebens setzen sollte. Die Ringelblume selbst trägt die beiden Seiten der "Frau Welt" in sich, ihr Geruch ist teils kräftigend aromatisch, teils unangenehm modrig. Diese alte Weisheit hat bis heute noch überdauert, denn in der christlichen Symbolik ist die Ringelblume ein Sinnbild für die Erlösung nach dem Tode. Steigen wir einige Jahrhunderte hinab in vorchristliche Zeit auf den Spuren eines alten Ringelblumennamens. Albertus Magnus bezeichnete die Ringelblume mit dem schönen Namen " sponsa salis" = Sonnenbraut. Noch mehrere andere Pflanzen aus der großen Familie der Korbblütler tragen diesen Namen. Sonnenbräute waren auch das Gänseblümchen, die Kamille, der Löwenzahn und die Wegwarte. Alle diese Pflanzen richten sich stark nach der Sonne, sie drehen sich nach ihr, öffnen und schließen ihre Blüten zu bestimmten Sonnenzeiten. (Auch die Ringelblume hat ihre genauen Sonnenzeiten und ist deshalb eine Pflanze der Blumenuhr Linnes, auf die ich bei der Wegwarte zu sprechen komme.) Wer waren nun die Sonnenbräute, denen diese Blumen, die in ihrer Blütenform der strahlenden Sonnenscheibe gleichen, geweiht sind? In den letzten Jahrzehnten ist durch die Arbeit vieler Forscher der Archäologie, Sprachwissenschaft, Ethnologie, Psychologie usw. ein vergessenes Reich aufgetaucht, das vor unserer jetzigen Gesellschaftsform bestand. Es war das Reich der Mütter, eine Gesellschaft des Mutterrechts, das unbewußt in Märchen und Liedern, Bildern und Träumen bis in unsere Zeit weitergelebt hat. Auch im deutschen Sprachraum weisen unzählige Märchen und Lieder auf unsere innere Verbindung zu dieser Zeit hin. Die alten Priesterinnen, die das Volk regierten, die Heilerinnen und Seherinnen leben fort in den Geschichten von den weisen Frauen und guten Feen. Es gibt noch heute Frauenberge, auf denen sie früher gelebt, geheilt und Recht gesprochen haben. Die Sonne war in diesen Gesellschaften heiliges Symbol des Lebens und der Erlösung. Der Gang der Sonne bildete den weltlichen wie geistigen Rahmen des Sonnenjahres. Die Priesterinnen, die Sonnenbräute, zelebrierten an den heiligen Orten die Sonnenfesttage. Unsere christlichen Feste wie Ostern, Pfingsten, Michaeli, Weihnachten sind verwandelte alte Sonnenfeste. Beide, alte heidnische und christliche Feste, sollen den Menschen den gleichen tiefen Sinn vermitteln. Blumen, die zur Zeit der wichtigsten Punkte des Sonnenlaufes durch das Jahr blühen und die in ihrer Form der Sonne ähneln, galten als heilige Blumen, den Sonnenbräuten geweiht. Das Gänseblümchen blühte schon zur Zeit des Frühlingspunktes, das Johanniskraut zur Zeit der Sommersonnenwende, die Wegwarte und die Ringelblume blühen noch zur Zeit der Herbst-Tagundnachtgleiche. Auch für die Wintersonnenwende gab es eine Pflanze, die grün geblieben war. Die Mistel, die noch heute in England und Amerika bei keinem Weihnachtsfest fehlen darf. Viele der alten Sonnenbrautblumen wurden später weiterhin weiblichen Göttinnen geweiht wie der germanischen Freya, der christlichen Maria. Auch unsere Ringelblume blieb eine heilige Braut, der Freya und dann der Maria unterstellt. Noch heute trägt sie den englischen Namen Marygold = Mariengold. Sie war immer eine Pflanze der Frauen und der Liebe, und alles, was davon übriggeblieben ist, sind Geschichten über ihre Verwendung als Liebeszauber. Die Ringelblume, die so lange blüht, scheinbar nie welken will, sollte bewirken, daß die Liebe eines, Menschen zu einem anderen nicht endet, sondern immer wieder neue Blüten treibt. In dem folgenden alten Volkslied wird von einem Mädchen erzählt, das die Niewelkblume, unsere Ringelblume, auf die Fußspuren ihres Liebsten pflanzte, um seine Liebe nie welken zu sehen. "Abends ging ich durch die Pfirsichgasse, unter Pfirsichbäumen stand mein Liebchen; Ich erbat von ihr mir einen Pfirsich. Leise macht das Liebchen mir den Vorwurf: Deine Mutter hat mich scharf getadelt, daß ich junges Blut dich hätt verzaubert; Nein, ich tat's nicht. Gott kann mir's bezeugen, Nur die Spur hab ich dir aufgegriffen, Hab auf ihr gepflanzt die Niewelkblume, Welk nicht, Liebster, wirst du mich auch haben. " | |