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Lange, viele Millionen Jahre bevor wir Menschen unseren Fuß auf diese Erde setzten, gab es schon den Schachtelhalm. In seiner eigentümlichen, archaischen Gestalt, so wie wir ihm heute begegnen, trägt er die fast 400 Millionen Jahre alte Geschichte seiner Sippe. 400 Millionen Jahre! Welch schwindelerregende Vergangenheit, von der man annehmen könnte, daß sie ihre Geheimnisse nie preisgibt. Und doch können wir uns heute ein Bild davon machen, wie es damals, am Anfang der Geschichte des Schachtelhalms, hier ausgesehen hat. In unserer Gier nach Rohstoffen haben wir uns hinabgewühlt bis in die Hochzeit des Schachtelhalms, denn aus den riesigen Schachtelhalmwäldern und Farnwäldern des Karbon, dem Altertum der Erdgeschichte, sind unsere heutigen Steinkohlevorkommen entstanden. Der Schachtelhalm, dieses eigentümliche Pflänzchen, war damals im Steinkohlezeitalter zu einem stattlichen Baum von bis zu 30 Metern Höhe entwickelt. Die Paläontologie konnte seine Gestalt aus Funden versteinerter Pflanzenreste, vor allem aus Steinkohleflözen, rekonstruieren. Der "Steinkohlewald" der Urzeit, der damals bis nach Spitzbergen reichte, bestand aus riesigen Schachtelhalmen, Bärlappgewächsen und Farnen. Könnten wir in diese riesigen, sumpfigen Urzeitwälder versetzt werden, sie würden uns sicher sehr seltsam und fremdartig vorkommen, und vielleicht würden wir bald etwas vermissen. Denn in all dieser üppigen Vegetation fänden 'wir keine einzige Blüte. Die schönen, duftenden, zarten, bunten Blüten der Pflanzen, die unser Herz besonders erfreuen, die waren damals noch nicht erfunden. Die Moose, Farne und Schachtelhalmgewächse im Steinkohlewald vermehrten sich ungeschlechtlich, d. h. sie hatten keine Blüten und keine Früchte, sondern Sporen. Die Vermehrung dieser Pflanzen, beziehungsweise die der kleinen übriggebliebenen Pflanzen der einstigen Riesenbäume geschieht heute noch ebenso wie damals, und wir können ihr Geheimnis der Fortpflanzung erforschen. Schauen wir, wie's der Schachtelhalm macht, es ist wirklich eine spannende Geschichte. Im März/April erscheinen auf Wiesen und Äckern blasse, ca. 20 cm hohe Halme mit seltsamen "Ähren" an ihrem oberen Ende. Es sind die Frühjahrstriebe des Schachtelhalms, die blaß, ohne Chlorophyll, dem grünen Pflanzenfarbstoff, in, den Frühling geschickt werden. Ohne Chlorophyll sind sie nicht in der Lage, das Sonnenlicht in chemische Energie umzuwandeln, die Stoffe, die sie zum Leben brauchen, können sie selbst nicht aufbereiten. Doch woher bekommen diese bläßlichen Stengel ihre Energie? Wenn wir uns die Mühe machen, einen dieser Halme vorsichtig auszugraben, werden wir auf ein weitverzweigtes, bis zu 2 Meter tiefes Wurzelwerk stoßen. An dem schwarzen, bleistiftdicken Wurzelnetz hängen kleine Knöllchen, wie winzige Kartoffeln, die mit Reservestoffen gefüllt sind. Sie sind die Vorratskammern des Frühjahrstriebes. Dieses Wurzelwerk macht den Schachtelhalm zu einer fast unausrottbaren Pflanze, denn die tiefen, weitverzweigten Wurzeln werden weder vom Pflug noch von der Hacke zerstört. So wird der einstige König des Urzeitwaldes heute nur noch verächtlich " Unkraut" genannt. Die bräunlichgelben, hohlen und unverzweigten Stengel des Frühjahrstriebs tragen scheidenförmige braune Blätter, die wie aufgeblasen aussehen. Die spitzen Zähne der Scheiden sind oft zu zweien verwachsen, der Stengel dazwischen ist längsgefurcht. Die einzelnen Stengelabschnitte sind in die Scheiden hineingeschachtelt, was zum Namen des Schachtelhalmes geführt hat. Zieht man an einem jungen Stengel mit beiden Händen in entgegengesetzter Richtung, so zerreißt er immer am unteren Ende eines Stengelgliedes, da dieses längere Zeit weitergewachsen ist, weich ist und deshalb leichter zerreißt: Die walzenförmige Ähre des Halmes ist aus vielen Sporenblättchen zusammengesetzt, jedes trägt an einem Stiel ein kleines sechseckiges Plättchen. An der Innenseite dieser Plättchen hängen 12 weiße Sporensäckchen. Jedes ist mit Sporen gefüllt. Wenn wir uns die Sporen unter einem Vergrößerungsglas betrachten, so sehen wir sie als kleine Kügelchen, die ein Band um sich herumgeschlungen haben. Bei der Sporenreife trocknen sie, und wir erkennen zwei sich kreuzende Bänder, die in der Mitte befestigt sind. Bei Trockenheit strecken die Sporen diese Bänder wie nach einem Winterschlaf, der Sporensack öffnet sich und sie werden ,vom Wind davongetragen. Mit bloßem Auge erkennen wir sie jetzt als blaugrünen Staub. Die Sporenähre, der Frühjahrstrieb, hat seine Aufgabe erfüllt und stirbt ab. Die Sporen, auf die Erde getragen, wachsen zu winzigen Pflänzchen heran, zum sogenannten Vorkeim. Diese ähneln nicht im geringsten dem späteren "richtigen" Schachtelhalm, sie sehen eher aus wie kleine Flechten oder Moospflänzchen. Es gibt weibliche und männliche Vorkeime. Eine Befruchtung kann nur geschehen, wenn weibliche und männliche Vorkeime zusammenstehen. Aber schon vor dem Sprung aus der Samenkapsel haben sich einige mit ihren Ärmchen aus den Bändern zusammengehakt, und meist sind mehrere zusammen verweht worden. Die weiblichen Vorkeime, an ihrem oberen Ende fein gefranst, sondern einen säuerlichen Saft aus, der die Schwärmer, korkenzieherförmige, bewimperte, wie Spermien bewegliche Gebilde anlockt. Sie schwimmen bis zum weiblichen Vorkeim, wo in einer buchtigen Erweiterung das Ei eingebettet liegt. Schwärmer und Ei verschmelzen, eine neue Schachtelhalmpflanze entsteht. Jetzt bilden sich aus dem Wurzelstock neue oberirdische Triebe. Diese Sommertriebe sind reich an Blattgrün und können die geplünderte Speisekammer, die Reserveknöllchen an den Wurzeln, wieder füllen. Die Sommertriebe des Schachtelhalms ähneln kleinen Tannenbäumchen, sind ganz fein und leicht geformt. Sie werden 1050 cm hoch, sind rauh gefurcht und tragen quirlig stehende Äste. Der Stengel verzweigt sich an jedem Knoten, auch die einzelnen Ästchen sind quirlig angeordnet. Der Schachtelhalm bildet keine Blüten oder deutliche Blätter, sondern besteht nur aus reinem Stengelwerk. Er ist ganz abstrakt und formal konstruiert. In äußerster Kargheit ist er auf das Wesentliche beschränkt. Diejenigen, die geschult sind, die Signaturen der Planeten in den Pflanzen zu sehen, werden im Schachtelhalm eine Saturnpflanze erkennen. Der Saturn ist das Symbol für die zusammenziehende, verhärtende Kraft, das Formgebende, das Abstrakte und für Kargheit. Er symbolisiert im Gegensatz zu Jupiter und Venus die Reduktion auf das Wesentliche. Der Schachtelhalm hat sich in seiner Form auf das Wesentliche beschränkt, er beschäftigt sich nur mit dem Aufbau und nicht mit der Ausgestaltung z. B. durch weiche Formen, bunte Blüten, Düfte wie Venus- oder Jupiterpflanzen. Er fühlt sich hart und rauh an. Auf der Ebene des menschlichen Körpers hat der Saturn Beziehung zu allem Festen, Aufbauenden, zu Knochen, Zähnen, Gelenken, dem Skelett. (Die Stengel des Schachtelhalms sind durch Gelenke miteinander verbunden.) Ganz deutlich können wir die Wesensart des Schachtelhalms erkennen, wenn wir einen Sommertrieb vorsichtig auf einem Blech verglühen. Was übrigbleibt, ist ein glasiges, helles Skelett, das fast aus reiner Kieselsäure besteht (bis 97%). In ihrer reinsten Form kommt Kieselsäure als Quarzkristall vor, ein harter und kühler Stein. Weniger rein und edel sind die Kieselsteine, ebenfalls zum großen Teil aus Kieselsäure bestehend. Kieselsäure ist festigend, trocken und kalt wie auch die Qualität des Saturn. In der anorganischen wie organischen Natur tritt die Kieselsäure in 6eckigen Formen auf, wie im Quarzkristall, der einen 6eckigen Querschnitt hat. In der Jahreszeit des Saturn, im Winter, bildet das Wasser sechseckige Schnee-Eisblumen. Bei welchen Krankheiten können wir die saturnale, zusammenziehende, aufbauende Kraft der Kieselsäure beziehungsweise des Schachtelhalms gebrauchen? Die Kieselsäure hat eine Beziehung zum menschlichen Bindegewebe. Diese Gewebeart ist genau das Gegenteil vom saturnalischen Prinzip, weich, formbar, feucht, beweglich. Es umhüllt die Organe und die festen Teile. Wenn es zu schwach geworden ist, dann kann die Kieselsäure neue Impulse zur Festigung geben. Der Stoffwechsel des Bindegewebes wird angeregt, die Entschlackung gefördert, der Aufbau gefestigt. Dort, wo sich zuviel Schlackenstoffe angesammelt haben, besonders in Gelenken, wird ausgeschwemmt. Die Knochen, Sehnen, Bänder werden gestärkt. Fast 50 % der Erdrinde bestehen aus Kieselsäure, Silizium. In dieser Form ist sie inaktiv, d. h. sie tritt mit keinem anderen Element in Verbindung. In Pflanzen wird die Kieselsäure teilweise aktiv. Von dem hohen Gehalt an Kieselsäure im Schachtelhalm sind nur etwa 10 % durch Extraktion löslich. Deshalb sollten wir für einen Schachtelhalmtee die Pflanze nicht nur überbrühen, sondern mindestens 20 Minuten kochen lassen, um soviel wie möglich von der Kieselsäure zu lösen. Mit einer Lupe kann man auf den Trieben kleine glasige Kieselsäureperlen sehen. Man hat früher ganz praktisch darüber gedacht und den Schachtelhalm als wunderbar feines " Schmirgelpapier" verwendet. Besonders Zinngeschirr wurde damit wieder blank geputzt, daher der Name des Schachtelhalms, Zinnkraut. Aber auch Aluminium, Kupfer usw. kann damit ganz schonend behandelt werden. Zum Polieren von ganz feinen hölzernen Gegenständen haben die Kunstschreiner und Instrumentenbauer den Schachtelhalm ebenfalls verwendet. Es gibt viele verschiedene Schachtelhalmarten, von denen einige als giftig gelten. Doch wenn man sich die Mühe macht und lernt, sie voneinander zu unterscheiden, kann nichts passieren. Früher wurde der Schachtelhalm in manchen Gegenden " Kuhtod" genannt, denn man hatte Vergiftungen beim Verfüttern dieser Pflanze beobachtet. Man glaubte, daß der Schachtelhalm besonders für Kühe gefährlich sei, daß er den Pferden jedoch nicht schade, sondern sie stärke. " Der Pferde Brot - der Kühe Tod" So hieß es kurz und bündig über den Schachtelhalm. Nach Gessner/Orzechowski, " Gift- und Arzneipflanzen von Mitteleuropa", traten diese Vergiftungen auch bei Pferden und Schafen auf. Diese sogenannte Taumelkrankheit hat folgende Symptome: Erregbarkeitssteigerung, Schreckhaftigkeit, Krämpfe, Störung der Bewegungskoordination und schließlich Tod durch Lähmung. Diese Vergiftung führt man heute auf einen Stoff des Schachtelhalms zurück, das Alkaloid Equisetin, das durch einen auf der Pflanze schmarotzenden Pilz (Ustilago equiseti) gebildet wird. Der Pilz befällt hauptsächlich den Sumpfschachtelhalm (Equisetum palustre), den Waldschachtelhalm (Equisetum silvaticum), und den Winterschachtelhalm (Equisetum hiemale). Der Pilz bildet braune Flecken an Stengel und Ästchen und befällt die Pflanzen erst im Spätsommer. Wer ganz sichergehen möchte, sollte deshalb den Schachtelhalm ab Ende Juli nicht mehr sammeln und die Pflanzen auf braune Flecken untersuchen. Für Tees und Bäder sammelt man hauptsächlich den Ackerschachtelhalm. Hier ist eine kurze Zusammenstellung der einzelnen Schachtelhalmarten Ackerschachtelhalm - Equisetum arvense Äcker und Wiesen Im März/April erscheinen sporentragende, bleiche Triebe wie Halme mit Ähren. Scheiden, am Stengel mit 6-12 schwarzbraunen Zähnen, unverzweigt. Später kommen grüne gefurchte Stengel mit abstehenden unverzweigten Ästen, 10-50 cm hoch. Der Giftteil ist meist astlos, Zähne halb so lang wie die Scheidenröhre. Die untersten Glieder der Seitenäste sind länger als die zugehörigen Scheiden. Waldschachtelhalm - Equisetum sylvestris feuchte Waldstellen Viel zarter als der Ackerschachtelhalm erscheinen beim Waldschachtelhalm fruchtbare und unfruchtbare Stengel zur gleichen Zeit, Höhe 15-60 cm, die Scheiden der fruchtbaren Stengel sind glockig-bauchig, oben rotbraun mit 3 bis 6 stumpfen Zähnen. Die Äste der unfruchtbaren Stengel hängen bogig herab. Die quirlständigen Äste sind wiederum verzweigt. Von allen anderen Schachtelhalmarten unterscheidet sich der Waldschachtelhalm dadurch, daß sich die Äste noch einmal verzweigen. Bei den übrigen Arten bleiben sie unverzweigt. Im Frühjahr erscheinen also zweierlei Stengel. Die unfruchtbaren enden mit einer grünen Spitze und verzweigen sich bald. Die fruchtbaren tragen an der Spitze eine Ähre, verzweigen sich darunter aber ebenfalls. Fruchtbare Triebe (Frühjahrstriebe des Ackerschachtelhalms haben keine Seitenzweige) sind hellgrün. Nicht sammeln. Winterschachtelhalm - Equisetum hyemale feuchte, schattige Wälder Fruchtbare und unfruchtbare Triebe sind gleichgestaltet. Die Pflanze ist wintergrün, d. h. sie überwintert mit den Stengeln, deshalb der Name Winterschachtelhalm. Sie kann bis zu 1,25 m hoch werden. Stengel astlos, grün, sehr rauh und hart mit flachen Rippen. Scheidenzähne eng anliegend, die obersten und untersten meist schwarz, die mittleren weißlich oder rötlich. Scheidenzähne fallen früh ab und hinterlassen auf dem Stengel einen schwarzen gekerbten Rand. Sporentragende Ähre kurz, schwärzlich, fruchtet im Mai/Juni. Er hat die gleiche Wirkung wie Ackerschachtelhalm, nur schwächer, jedoch auf braune Flecken achten. In China ein bekanntes Heilmittel, das als Pulver zerrieben zum Blutstillen in Wunden gestreut wurde. In der Homöopathie wird er anstelle des Ackerschachtelhalmes verwendet. Sumpfschachtelhalm - Eguisetum palustre feuchte, sumpfige Standorte, Moore 20-70 cm hohe Pflanze, fruchtbare und unfruchtbare Stengel gleichgestaltet. Treibt an den Knoten unverzweigte, quirlig angeordnete Äste, 6-10 weiß berandete, grüne Zähne (Ackerschachtelhalm hat dunkelbraune Zähne), Stengelscheiden länger als das unterste Astglied, Sprosse gerippt. Sporenähre schwärzlich. Nicht sammeln-. Wird auch Duwock genannt (Taumelkrankheit = Duwocksche Krankheit). Schlammschachelhalm - Eguisetum limosum stehende Gewässer Bis 1,50 m hoch, fruchtbare und unfruchtbare Stengel wie beim Winterschachtelhalm, Stengel glatt, Scheiden aus 10-20 Zähnen, schmal und schwarz, selten vorkommend. Manchmal treibt er kurze Seitenzweige. Nicht sammeln. Riesenschachtelhalm - Equisetum maximum (telmateia) schattige, feuchte Stellen, Uferläufe Größte einheimische Art, bis 120 cm hoch, mit dicken Stengeln, fruchtbare Halme ohne Verzweigungen, unfruchtbare Halme weißlich mit grünen Astquirlen, dicke Sporangienähre, sehr saftig, sinkt schon nach wenigen Tagen, wenn die Sporen verstäubt sind, zusammen und verfault. Kann besonders für Bäder verwendet werden. Wer sich das alles nicht merken kann, sollte wenigstens dies nicht tun: im Wald oder an sumpfigen Stellen Schachtelhalm sammeln, aber nie Pflanzen gebrauchen, die braune Flecken haben. | |