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Ein Bekannter erzählte mir einmal, er habe seiner Frau ein Glas frischen Schöllkrautsaft zu trinken gegeben - " für ihre Leber". Mir blieb schier das Herz stehen! "Das Schöllkraut", ging es mir blitzschnell durch den Kopf, " gehört zu den stark wirkenden giftigen Heilpflanzen. Es ist mit dem Schlafmohn verwandt und enthält wie dieser giftige Alkaloide. Bei Überdosis treten Schmerzen und Brennen im gesamten Verdauungstrakt; starke blutige Durchfälle mit schmerzhaften Koliken auf, der Tod tritt meist durch Atemlähmung ein. " Mein Bekannter machte jedoch nicht den Eindruck eines trauernden Witwers, und so erkundigte ich mich eingehend nach dem Befinden seiner Gattin. Sie habe eine starke Hitze im Magen empfunden, sei umgefallen, fühle sich aber jetzt, nachdem sie den-ersten Schreck überwunden, pudelwohl. Nachdem ich erleichtert aufgeseufzt hatte, konnte ich mich nur noch ausgiebig über die Roßnatur dieser Frau wundern. Wie sie ein ganzes Glas dieses ätzenden Pflanzensaftes hinunterschlucken konnte, ist mir ein Rätsel. Es scheint wirklich Menschen zu geben, die eine Oberdosis Schöllkrautmedizin ohne Schaden vertragen, einen ähnlichen Fall berichtet Maurice Messegue in seinem "Heilkräuterlexikon". Obwohl es in beiden Fällen gut ausgegangen ist, möchte ich trotzdem warnen, den Versuch an sich und anderen nachzuvollziehen. Das Schöllkraut gehört zu unseren stark wirkenden Heilpflanzen und sollte unbedingt richtig dosiert werden. Die alte Weisheit des Paracelsus bewahrheitet sich hier ganz besonders: nur die Dosis macht ein Gift. Das "giftige Unkraut" erweist sich, wissend angewandt, als wertvolle Heilpflanze. Mit dem Schöllkraut verbinden sich die Namen bekannter Ärzte, die diese Pflanze als zuverlässiges Heilmittel hoch geschätzt haben. Paracelsus hat das Schöllkraut oft verschrieben, Samuel Hahnemann, der Begründer der Homöopathie, nahm es in seinen Arzneimittelschätz auf, Hufeland und sein Schüler Rademacher haben sich bei der Behandlung von Leber-, Galle- und Milzkranken auf das Schöllkraut verlassen. Der Arzt Karl Daniel und der Apotheker Dieter Schmaltz haben dem Schöllkraut 1939 sogar ein ganzes Buch gewidmet. Der bekannteste Patient, der die heilende Wirkung des Schöllkrautes am eigenen Leib erfahren hat, ist wohl Albrecht Dürer. Er erkrankte auf einer Reise an Malaria und litt seitdem an chronischer Malaria mit Milztumor und Leberschwellung. Er sandte seinem Arzt ein Selbstbildnis, worauf er die Stelle seiner Schmerzen kennzeichnete. Dieser verordnete ihm daraufhin Schöllkraut. Vielleicht aus Dankbarkeit für diese Pflanze hat Dürer sein schönes Bild vom Schöllkraut gemalt. Bricht man das frische Schöllkraut am Stengel oder den Blättern, so tritt an der Bruchstelle ein leuchtend gelber Milchsaft aus, der sich an der Luft zu einem dunklen Orange verfärbt. Er ist so ätzend, daß man damit Warzen und Hühneraugen "schmelzen" kann. Wie man heute weiß, wirkt er zellteilungshemmend und bakterientötend. So haben wir im nachhinein eine Erklärung für die alten Rezepte zur Behandlung von Warzen und Hühneraugen. Der Saft, auf Kleider gebracht, verursacht orangene Flecken, die schwer zu entfernen sind. Dies hat man sich früher zunutze gemacht, indem man damit Wolle und Stoffe färbte. Mit Alaun und Weinsteinrahm (in Apotheken erhältlich) vorgebeizte Wolle erhält einen wunderschönen kräftigen Orangeton. Die Farbe ist sehr haltbar. Aber auch Leder hat man früher mit Schöllkrautsaft gegerbt und gefärbt. Wandfarben bekommen einen schönen Orangeton durch Zusatz von Schöllkrautsaft. Das ausgefallenste Färberezept mit Schöllkraut beschreibt Tabernaemontanus (1731) in seinem Kräuterbuch. Als es noch keine chemisch hergestellten Haarfärbemittel gab, mußte man sich schon etwas einfallen lassen, um den Haaren die gewünschte Farbe zu verleihen. Der Kuriosität halber führe ich dieses Rezept hier an, ich habe es selbst nicht ausprobiert: " Schön gel Haar zu machen: Nimm Schellkrautwurtzel sauber gereiniget / und Ferberrothwurtzel / jedes gleich viel nach deinem Gefallen / stosse sie zu einem reinen subtilen Pulver / und behalte es. Darnach nimm Baumöl ein Becherlein voll / thu darein frisch Schellkrautwurtzel / geschabet Buxbaumenholtz / jedes 1 Loth / Römischen Kümmel / ein halb Loth / Saffran / 1 guintlein / guten weissen Wein zween Löffel voll: Laß diese Stück mit einander sieden / biß der Wein eingesotten ist / alsdann seihe es durch ein Tüchlein. Mit diesem Öl temperier das obgemeldte Pulver / daß ein Sälblein werde / und schmiere oder salbe damit die Haar wol / daß es also ein Tag und ein Nacht bleiben: des Morgens zwag das Haubt mit einer Laugen die von Kölkrautstengeln / Eschen und Gerstenspreuer gemachet seye. " Der Saft des frischen Schöllkrautes hat die alten Heilpflanzenkenner an den Gallensaft in der menschlichen Galle erinnert. Beide sind von ungefähr derselben Farbe, wirken ätzend, schmecken scharf und bitter. Auch die goldgelben Blüten des Schöllkrautes waren für sie ein Hinweis, daß es sich hier um eine Pflanze mit Wirkungen auf die Leber, Galle und Milz des Menschen handelt. Auch Paracelsus, der wie alle anderen, die Schöllkraut gebrauchten, es für Leber- und Gallekrankheiten einsetzte, wies auf die Zeichen, die Signatur dieser Pflanze hin. Er konnte nicht nur die äußeren Merkmale wie Form, Farbe, Geschmack usw. deuten, sondern erkannte auch die inneren Merkmale einer Pflanze, ihre Ausstrahlung, ihre Gebärde. Nur ein Erkennen beider Ebenen führt zu einer richtigen Anwendung der Signaturenlehre. Es gab mit der Zeit immer weniger Menschen, die die inneren Zeichen einer Pflanze lesen konnten, und so verflachte diese Lehre. Um das Schöllkraut gibt es noch Geheimnisse, die nie verraten wurden. Ein paar alte Namen, Geschichten und Märchen haben den Faden, der irgendwann weit zurück abriß, wieder aufgenommen und ein Stückchen weitergesponnen. Da gibt es Geschichten vom sagenhaften Goldkraut, der Goldwurz, mit dessen Hilfe man Gold herstellen kann. So manch einer ist ausgezogen, um diese Wunderpflanze zu suchen, und einige Glückliche haben sie auch wirklich gefunden. Eine schöne Fee mit goldenen Haaren, Celandine genannt (celandine ist der englische Name für Schöllkraut), hat die Suchenden geführt und sie zu dem Platz geleitet, wo das Goldkraut wächst. Die Alchimisten haben, so sagt man noch heute, aus dem Schöllkraut, d. h. dem Goldkraut, Gold hergestellt. Und wirklich haben die Alchimisten für ihre Arbeiten Pflanzen verwendet, die besonders rein die Kraft eines bestimmten Planeten ausstrahlten. Im Schöllkraut erkannten sie die Sonnenkraft, und da das Gold ebenfalls der Sonne zugeordnet wird, haben sie es sicher für ihre Experimente verwendet. Die Alchimie, die als Vorläuferin der heutigen Chemie gilt und deren Wurzeln bis ins frühe Ägypten zurückreichen, brachte uns als " Abfallprodukt" unter anderem die Erfindung des Porzellans und die Phosphorgewinnung. Wenig bekannt ist die alchimistische Heilkunde, die Spagyrik, die sich bis heute erhalten hat und sich in den Händen von Naturheilkundigen noch immer als gute Medizin erweist. Die Alchimisten suchten und fanden die reine Essenz der Pflanzen, die sie in Form eines " Pflanzensteines" oder spagyrischer Arzneien zur Heilung von Krankheiten verwendeten. Noch heute gibt es Firmen, die diese Heilmittel nach alten Rezepten herstellen. Die frischen wildgewachsenen Pflanzen werden einer Gärung und Destillation unterworfen, die Rückstände anschließend getrocknet und verascht. Diese Asche wird in dem Destillat gelöst. Im Rahmen dieses Buches kann ich nicht ausführlicher auf die Prinzipien der Alchimie und Spagyrik eingehen; für alle Interessierten hier einige Literaturangaben zum Weiterstudium: Alexander v. Bernus, Alchymie und Heilkunst, Helmut Gebelein, Alchemie. Besonders möchte ich das hervorragende und zum praktischen Arbeiten geeignete Buch meines Lehrers Prof. M. H. Junius empfehlen: Praktisches Handbuch der Pflanzen Alchemie. Die Wertschätzung der Alchimisten für das Schöllkraut drückt sich in dem Namen, den sie ihm gaben, aus: Coelidonum = Himmelsgabe. Für ihre Zubereitungen sammelten sie die Pflanzen zu entsprechenden Planetenstunden. Das Schöllkraut sollte zu einer Stunde gesammelt werden, zu der die Sonnenkräfte in diesem Sonnenkraut besonders wirksam sind: "wenn die Sonne im Löwen steht, der Mond im Widder, zur Stunde des Mittags sammle die Himmelsgabe.". Verlassen wir die Alchimisten wieder und wenden uns dem Volksglauben zu, der sich um das Schöllkraut rankt. Auch in vielen Volksbräuchen finden wir das Schöllkraut wieder. Gemäß eines alten Brauches gilt diese Pflanze als Sinnbild für ein friedvolles, ausgeglichenes Leben. Hag und Streit kann gemindert werden, aggressive Menschen werden beruhigt, wenn sie sich ein Amulett aus der Schöllkrautwurzel umhängen. Es ist interessant, daß gerade der " Gallemensch", der Choleriker, zu seelischen Mißstimmungen neigt. Ihm läuft leicht die Galle über, er ärgert sich über alles und jeden. Und gerade diesen Menschen hat man früher ein Amulett aus dem Schöllkraut empfohlen. Es gibt Pflanzen, die Sonne ins Herz bringen, die bei Melancholie und Traurigkeit das Gemüt aufhellen. Das Schöllkraut bringt die Sonne in Galle und Leber, es wirkt auf diese beiden Organe und gleichzeitig beruhigend auf das Nervensystem. Das Schöllkraut mit seinen fleischigen, lappigen, behäbig ausgebuchteten Blättern mit starker Wuchskraft, als Pflanze des Vegetativen, der Leber und der Galle, bringt mit seinem gelben Saft und den sonnigen Blüten Licht und Harmonie in das Stoffwechselgeschehen. Das Schöllkraut hat wie viele andere Pflanzen eine besondere Verbindung zu einem Tier. Die Schwalben, so heißt es schon seit langer Zeit, haben den Menschen gezeigt, daß diese Pflanze ein Augenheilmittel ist. " Schöllkraut ist den Augen gsundt' Das wird uns von den Schwalben kundt" So heißt es in den Schriften der Schule von Salerno. Die frühesten Zeugnisse über diese seltsame Geschichte des Schöllkrautes mit den Schwalben finden wir bei Aristoteles (350 v. Chr.). Er behauptet, daß junge Schwalben, die erblindet sind, von ihren Müttern mit frischem Schöllkraut geheilt werden. Diese Geschichte hat sich bis in unsere Zeit hinein erhalten, und kein Autor, der über das Schöllkraut schrieb, vergaß darauf hinzuweisen. Suchen wir uns in der Fülle der Literatur die betreffende Stelle im Kräuterbuch des Hironymus Bock heraus: " Das bitter Schöllkraut haben die Schwalben nützlich ins Geschrei gebracht denn mit gemeltem (zerdrücktem) Schöllkrautsaft netzen sie ihren Jungen die Augen wieder auf. Nach solch einer Einleitung in den alten Kräuterbüchern zum Kapitel Schöllkraut folgt dann meist eine sehr ausführliche Beschreibung, wie man das Schöllkraut zur Heilung von Augenkrankheiten, wie z. B. Star, Nachtblindheit, Bindehautentzündung verwendet. Es galt lange Zeit geradezu als Allheilmittel für Augenkrankheiten. 'Ich selbst habe noch nie jemand getroffen, der dieselbe Beobachtung wie Aristoteles gemacht hat und wie so viele nach ihm (oder haben sie nur abgeschrieben?). Ich habe jedenfalls Schöllkrautpflanzen an einer Mauer in meinem Garten gepflanzt und werde die Schwalben in unserem Stall " genau im Auge behalten". Die Geschichte mit den Schwalben und dem Schöllkraut findet sich auch auf vielen geistlichen Bildern wieder. Ein Schöllkraut bedeutet hier: " dieses heilt eure geistige Blindheit Beide, Schöllkraut wie Schwalben, sind schon lange mit unserer Geschichte verbunden. Die Schwalbe wurde im Altertum "Lichtvogel" genannt und galt später als Christus- und Auferstehungssymbol. Die Schwalben lieben die Gesellschaft der Menschen und nisten gerne in Ställen. Auch das Schöllkraut ist gerne den Menschen nahe, ja es läuft uns regelrecht nach. Zusammen mit Holunder, Wegerich und Brennessel stellt es sich überall dort ein, wo menschliche Behausungen sind. Es "hält sogar die Stellung", wenn wir Menschen schon lange einen Platz verlassen haben. Heinrich Marzell führt in seinem Buch "Unsere Heilpflanzen" solch eine Begebenheit an: "Mitten im Walde ist das Auftreten dieser Pflanze eine befremdende Erscheinung. Das rätselhafte Vorkommen derselben im Walde zwischen Oppertshofen und Mauren (Schwaben, Bezirk Donauwörth) war aber bald erklärt, sobald man an derselben Stelle in einer Tiefe von 1-2 Meter auf die Mauern eines römischen Gebäudes stieß, welches seit einigen Jahren die Aufmerksamkeit der Archäologen auf sich gezogen hat. " Das Schöllkraut scheint eine, Vorliebe für Schlösser und alte Burgen zu haben. An deren Mauern findet man sicher ein paar Schöllkrautpflänzchen: Als Peter, der Zeichner der Bilder in diesem Buch, sich daranmachen wollte, das Schöllkraut zu zeichnen und in seiner näheren Umgebung keines finden konnte, riet ich ihm, zu einer alten Burg zu gehen. Und dort fand er das gesuchte Kräutlein in Hülle und Fülle. Wer gerne das Schöllkraut kennenlernen möchte, es aber noch nie in der Natur gesehen hat, dem rate ich deshalb, beim nächsten Besuch einer Burg oder noch besser einer Burgruine nach einer Blume mit gelben Blüten Ausschau zu halten, die in der Nähe der Mauern wächst. Sobald der erste Schnee geschmolzen ist, oft schon im Januar oder Februar, treibt das Schöllkraut aus seiner Wurzel eine hellgrüne Blattrosette, woraus sich später die ca. 50 cm hohe Pflanze entwickelt. Die zarten Schöllkrautblätter ähneln ein bißchen den Eichenblättern, sie sind genauso gebuchtet wie diese. Auch das wenig bekannte Milzkraut, Chrysosplenium alternifolium, erinnert in seiner Blattform und Blattfarbe an das Schöllkraut. Alle drei gehören zu den wenigen Pflanzen, die eine spezifische Wirkung auf die Milz haben. Im Gegensatz zu den ledrigen Eichenblättern fühlen sich die Schöllkraut- und Milzkrautblätter weich, kühl und etwas " lappig" an. Die Schöllkrautblätter sind auf der Oberseite goldgrün, die Unterseite jedoch schimmert blaßblau. Der Hauptstengel teilt sich immer wieder bis zur Spitze in Seitensprossen. Über den saftig-grünen Blättern leuchten die goldgelben, vierstrahligen Blütensternchen; in lockeren Dolden sitzen sie paarweise oder in Gruppen bis zu sechs Blüten an den Stengeln. Sie sind so zart und zerbrechlich, und wie um diesen Schätz zu schützen, neigt das Schöllkraut die Blütenstiele bei Regenwetter und zur Nachtzeit nach unten. Kaum ist eine Blüte verwelkt, erscheint schon eine neue. Von April bis September können wir das Schöllkraut blühen sehen. Aber dann wird es Zeit, daß sich auch aus den letzten Blüten die Samenschoten entwickeln. Diese sind lang, dünn und zeigen senkrecht nach oben. Die kleinen schwarzen und sehr ölreichen Samen tragen in ihrem Innern fleischige weiße Anhänge. Diese Anhänge .sind ein Leckerbissen für Ameisen, sie sammeln die Samen auf, schleppen sie weg, verspeisen das weiße Fleisch und lassen den Samen liegen. So kommt es, daß manchmal an ganz ungewöhnlichen Orten wie Astgabeln, Mauerritzen, auf Türmen und in Baumlöchern ein Schöllkraut grünt. | |