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Am Straßenrand, bedeckt mit Staub, blüht eine Nessel, die ist taub Sie blüht bei Sonnenschein und Frost, mühselig, aber doch getrost. Dereinst, am Tage des Gerichts, (sie hört von den Posaunen nichts) wird Gott ihr einen Boten schicken. Der wird die taube Nessel pflücken und in den siebten Himmel bringen. Dort hört auch sie die Engel singen.') Karl-Heinz Waggerl Wer nicht genau hinsieht, besonders im Frühjahr, der könnte die Weiße Taubnessel mit der Brennessel verwechseln. Aber nur wer keinen Blick für das Wesen der Pflanzen hat, denn diese beiden Nesseln haben einen ganz verschiedenen Charakter. Die Brennessel hat sich dem Aufbau ihrer Blätter gewidmet, sie ganz mit Feuerenergie gefüllt. Trockene und warme Plätze hält sie gut aus. jederzeit ist sie zur Offensive bereit. Die Taubnessel dagegen ist von der Venus und dem Mond geprägt. Ihr Element ist mehr das Wasser, das Schleimige, Sanfte und Kühlende. Sie hat zwar nesselähnliche Blätter, die ebenfalls kreuzgegenständig an einem vierkantigen Stengel stehen, jedoch sind diese nicht mit aggressiven Brennhaaren, sondern nur mit einem leichten, nicht brennenden Flaum überzogen. Die Blätter fühlen sich kühl und weich an. Sie duften sogar. Die Taubnessel gehört einer ganz anderen Familie an, nämlich den Lippenblütlern, und stolz trägt sie ihre schönen, blaß weißen Lippenblüten über den Nesselblättern. Diese stehen zu mehreren (meist 3-7) in den Achseln der oberen Blätter. Da sie auch die Stengelseiten, an denen keine Blätter entspringen, meist ganz verdecken, sieht es aus, als ob sie in einem Quirl rings um die Stengel stehen. Die Botanik nennt die Blütenanordnung deshalb Scheinquirl. Die Alten haben die Brennessel als männliche und die Taubnessel als weibliche Nessel gesehen. Deshalb wurde die Taubnessel schon früh als Heilpflanze besonders für weibliche Patienten gebraucht. Und noch heute bewährt sie sich auf diesem Gebiet. Sie ist ein sehr gutes Mittel zur Behandlung des Weißflusses (Fluor albus) und zur Stärkung des Uterus. Die Signatur dafür erkannten unsere Vorfahren in der blaßweißen Farbe der Blüten und in deren Form, die der der weiblichen Geschlechtsorgane ähneln. Und sie sahen in ihr das " gewisse Etwas", das Venus-Mondpflanzen prägt. Ich freue mich jedesmal, wenn ich so einem Büschel Taubnessel (sie stehen meist zu mehreren zusammen) begegne. Die Brennessel hat etwas Strenges, während sich die Taubnessel heiter und hingebungsvoll darbietet. In der altchinesischen Literatur wird sie "Kraut der lächelnden Mutter" genannt, und unsere heilende Äbtissin Hildegard von Bingen glaubt daran, daß diese Kraft auf den Menschen übertragen werden kann, "wer sie genießt, lacht gern, denn ihre Wärme, die auf die Milz einwirkt, erheitert das Herz". Auch die Taubnessel hat eine besondere Verbindung mit Tieren - und zwar nicht mit flattrigen Schmetterlingen, sondern mit behäbigen Hummeln. So hat die Taubnessel doch noch etwas mit Stacheln zu tun. Sie hat sich völlig auf die Liebe mit der Hummel eingestellt. Nur diese Insekten können die Taubnesselblüten bestäuben. Die Taubnessel enthält in ihren Blüten sehr viel süßen Nektar, aber nur langrüßlige Insekten können den Nektar in den tiefen Blütenröhren erreichen. Die Schmetterlinge, die einen sehr langen Rüssel haben, scheiden aus, denn ihre Flügel hindern sie daran, sich in die Blüte hineinzudrücken. Es bleiben also nur die Hummeln übrig, denen die Taubnessel ihre Blüten genau angepaßt hat. Mit ihrer waagrechten Unterlippe bilden die Blüten ein bequemes Sitzbrett für ihre Lieblingsgäste. Die grünen Punkte und Striche auf diesem Landeplatz sind die Honigmale, die den Hummeln den Weg zum Honig zeigen. Die seitlichen Lappen haben genau die richtige Entfernung, damit der Kopf und die Brust der dicken Hummel dazwischen Platz haben. Die saugende Hummel besorgt so nebenbei die Bestäubung, sie drückt mit der Rückenseite gegen Staubbeutel und Narbe. Weiter unten verengt sich die Blütenröhre und trägt einen Ring feiner Haare. Dies ist eine letzte Sicherung, um ungebetene Gäste wie kleinere Insekten von dem begehrten Honig abzuhalten. Die Hummel hat "den Schlüssel zum Taubnessel-Honigschloß", sie dringt mit ihrem Rüssel leicht durch den Haarzaun und erreicht den Honig. Es gibt aber auch Einbrecher, die sich mit Gewalt Eintritt verschaffen. Die Honigbiene, angezogen vom süßen Duft, beißt manchmal einfach Löcher in die Blütenröhre, um so an den Honig heranzukommen. Dabei wird die Blüte jedoch nicht bestäubt. Zum Schluß möchte ich noch einige Schwestern der Weißen Taubnessel vorstellen, denen wir öfters auf unserem Spaziergang begegnen. Beginnen wir mit der unscheinbarsten; der Stengelumfassenden Taubnessel, Lamium amplexicaule. Sie ist uns sicher noch nicht besonders aufgefallen, denn sie wirkt wirklich unscheinbar. Sie kommt häufig auf Äckern, in Gärten und Weinbergen vor. Ihre oberen Blätter umfassen den Stengel, was ihr den Namen verliehen hat. Sie hat ganz kleine, rosa bis karminrote Blüten, die in Scheinquirlen an den Achsen der Blätter sitzen. Diese Nessel wird selten größer als 30 cm. Die Rote Taubnessel, Lamium purpureum, ist bekannter. Sie ist ein altes Ackerunkraut. Sie liebt nährstoffreiche Lehmböden, und wir finden sie an Wegen, Schuttplätzen, auf Feldern. Auch sie hat brennesselartige Blätter, die natürlich nicht brennen. Ihre Lippenblüten sind purpurrot gefärbt, selbst die Stengelspitze und die oberen Blätter sind manchmal ganz rot angelaufen. Die Blätter stehen nach Nesselmanier in kreuzgegenständigen Reihen, die Blüten in Scheinquirlen. Die ganze Pflanze ist ca. 10-25 cm hoch. In der heilkunde wird sie bei dunklem Ausfluß verwendet und besonders als Mittel bei Verbrennungen. Dafür setzt man die ganze blühende Pflanze in Olivenöl an. Die Goldnessel, Lamium galeobdolon, ist eine Schönheit. Wir begegnen ihr meist in Mischwäldern und Laubwäldern, da sie feuchten, mullhaltigen Boden liebt. Sie überrascht uns mit goldgelben Blüten. Sie hat sich nicht ganz so fanatisch auf die Hummeln eingeschworen wie die Weiße Taubnessel, sondern ihre Kronröhre etwas kürzer geformt, so daß auch die Bienen an den Nektar gelangen. | |