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TAUSENDGÜLDENKRAUT

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Centaurium erythreae Rafn.
Familie der Enziangewächse - Gentianaceae

" Überdrüssig meiner Schulden will ich ein paar Tausend-Gulden-Kräuter in den Garten pflanzen. Jahr um Jahr will ich den ganzen Guldenschatz zusammenlegen, Kunst und Wissenschaften pflegen, und zum Kummer meiner Erben einst als Kräuterkrösus sterben."
Ein Schluck vom Tee aus diesem Kräutlein klärt jeden ganz unmißverständlich darüber auf, wofür die Pflanze ihre 1000 Gulden wert ist. Der Mund zieht sich zusammen, die Geschmacksnerven reagieren überstürzt, und so mancher, der mutig und gesundheitsentschlossen seine erste Tasse Tausendgüldenkrauttee hinuntergeschluckt hat, verzieht sein Gesicht und schimpft darauf mit einem: "Pfui Teufel, ist das bitter!"
Aber, und deshalb wird der "vernünftige" Kranke sicher wieder zur Tasse Tausendgüldenkrauttee greifen, "was bitter dem Mund, ist dem Magen gesund".
Ein Kraut, das so bitter ist, daß es die alten Römer zu Recht fel terrae (Erdgalle) nannten, hat die Kraft, unser Verdauungssystem außerordentlich anzuregen. Es vermehrt die Magensaftproduktion und fördert die Tätigkeit der Galle. Früher hat man es außerdem zur Behandlung von schweren Fieberkrankheiten, Bissen und Verletzungen gebraucht. Und ist ein Kraut, das einem die Gesundheit nach diesen Krankheiten wieder schenkt, nicht seine 1000 Gulden wert? Keine Angst, wir müssen sie nicht bezahlen, wir bekommen dieses Heilmittel sogar geschenkt. Daran hat Kräuterpfarrer Kneipp auch gedacht, als er dazu meinte: "Der Name lautet auf eine hohe Summe, die Hilfe spendet das Kraut einem jeden umsonst. "
Auch dieser große Kenner der Heilpflanzen hat das Tausendgüldenkraut hoch geschätzt und seinen Patienten bei Fiebern und Magenbeschwerden oft verordnet.
Die hohe Wertschätzung für das Tausendgüldenkraut hat sich im Lauf der Jahrhunderte noch gesteigert. Erst im 15. Jahrhundert taucht dieser Name auf, davor hieß es noch ein "Hundertguldenkraut". Diese Wertsteigerung beruht, wie es heißt, auf einer Verwechslung. Zur Erklärung der ursprünglichen Namensgebung müssen wir uns wieder einmal ins antike Griechenland versetzen. Dort treffen wir einen Bekannten vom Kapitel über die Schafgarbe wieder, Chiron, den weisen und heilkundigen Centauren. Wer es vergessen hat: Centauren sind Wesen, halb Mensch, halb Pferd. Ein besonders gescheites Exemplar dieser Gattung war Chiron, der den griechischen Helden Herakles, Achill, Jason, Äskulap die Heilkunde beigebracht haben soll. Die durch Pfeile verursachten eitrigen Wunden an seinen Pferdebeinen heilte er mit dem Tausendgüldenkraut. Zur Erinnerung daran trug diese Pflanze den Namen Centaurea, der sich bis heute in der lateinischen Namensgebung erhalten hat. Vielleicht ist der alte Zusammenhang verlorengegangen, denn bei uns zeigte man sich zwar gewillt, an Drachen und Einhörner zu glauben, aber an einen Centauren, das ging zu weit, und so hat man nie etwas von einem "Centaurenkraut" gehört. Man hielt sich lieber an eine logischer erscheinende Übersetzung des lateinischen Centaurea: Lateinisch centum heißt hundert, aurum heißt Gold. Das macht zusammen ein Hundertguldenkraut. Im 15. Jahrhundert stieg der Wert dann auf unser heutiges Tausendguldenkraut.
Doch lassen wir das Spiel mit den Geldbeträgen, es gibt noch viele andere Namen der Volksbotanik für das Tausendgüldenkraut, die es wert sind, sie näher zu untersuchen. Um die hohe Achtung für diese Pflanze auszudrücken, hat man sie z. B. in Mecklenburg "Stah up un gah weg" (steh auf und geh weg) benannt. Überall dort, wo man den Brauch des Kräutersegnens feierte (siehe Königskerze), steckte man auch das Tausendgüldenkraut in den Kräuterbüschel. So ist anzunehmen, daß man es schon in sehr früher Zeit als Heil- und Kraftpflanze kannte. In alten Kräuterbüchern finden wir das Tausendgüldenkraut manchmal unter den geheimnisvollen Namen "roter Aurin, wilder Laurin oder Laurinkraut".
Die Etymologen leiten das Laurin wie das Aurin vom lateinischen Aurum = Gold ab. Vielleicht stand das Tausendgüldenkraut einmal in Verbindung mit dem sagenhaften Zwergenkönig Laurin aus der Dietrich-von-Bern-Sage. Ob er wohl in seinem schönen Rosengarten auch ein paar Tausendgüldenkrautpflänzlein beziehungsweise Laurinkräutlein pflanzte?
Die Namen "Dullhundskraut" und " Hundsbißkraut" beziehen sich wieder auf die medizinische Verwendung der Pflanze. Früher hat man das Kraut beim Biß eines tollwütigen Hundes verwendet. Bekannt war, besonders in der Lüneburger Heide, die " Tollhundsbutter", Butter, in der Tausendgüldenkraut ausgelassen war und die man dem Gebissenen zu essen gab.

Ob nun als Magen-, Wund- oder Fiebermittel gebraucht, überall hat man das Tausendgüldenkraut als Heilpflanze geschätzt. Es hieß, daß ein Reiter, der auf seinem Weg ein Tausendgüldenkraut sieht, nicht daran vorbeireiten soll, ohne abzusteigen und die wertvolle Pflanze mitzunehmen. Ein Reiter, der am späten Nachmittag oder am Abend unterwegs ist, wird wohl kaum ein Tausendgüldenkraut vom Pferd aus entdecken. Die leuchtenden rosa Blüten sind sehr empfindlich, sie öffnen sich nur am Vormittag bei Sonnenschein, und dann auch nur bei einer Temperatur von 20-22° Celsius. Schon bald am Nachmittag schließen sich die fünf Blütenblätter. Aber auch bei Abkühlung, Verdunkelung, Berührung und bei herannahendem Regen sind die Blüten geschlossen. Das Tausendgüldenkraut wächst gern auf Waldwiesen und an Rainen, inmitten der Gräser. Es braucht deren Schutz, es würde im Winter leicht erfrieren, im Sommer wäre es ihm zu heiß. So ist es schwer, ein Tausendgüldenkraut mit geschlossenen Blüten zwischen den Gräsern zu entdecken, und so mancher Reiter und Spaziergänger wird daran vorbeigehen.
Früh am Tag, wenn die Sonne scheint, leuchten die kleinen rosa Blüten aus dem Gras. Zart, licht und freundlich, fast etwas schüchtern und zurückhaltend erscheint uns dieses Pflänzchen. Das Tausendgüldenkraut hat seine ganz besonderen Liebhaber, die es vormittags besuchen kommen. Dann flattert es manchmal bunt um die kleinen Blüten. Meist sind es Dickkopffalter, grünblaue Bläulinge, Scheckenfalter und Tagschwärmer. So nebenbei besorgen sie die Bestäubung.
Wir sollten sie uns noch etwas näher anschauen, dieses schüchterne Pflanzenfräulein mit rosa Schleier und lindgrünem Blättermantel, das so versteckt im Walde steht und auf vorbeikommende Reiter und Schmetterlinge wartet. Aus der zarten hellgelben Wurzel bildet sich zuerst eine Blattrosette, die sich eng an den Boden schmiegt. Aus ihrer Mitte erhebt sich ein etwas starrer Stengel 10 cm, manchmal bis zu 50 cm über den Boden. Jedes Blattpaar am Stengel ist kreuzweise zum oberen angeordnet. Die mattgrünen Blätter sind länglich-eiförmig oder lanzettlich geformt. Auffällig sind die fünf parallellaufenden Blattnerven. An seinem oberen Ende verzweigt sich der Stengel, die Blüten sitzen an gabelig verzweigten lockeren Blütenstauden. Die kleinen fünfblättrigen Blüten sehen aus wie winzige Enziane, ihr rosa ist auch genauso intensiv strahlend wie das hellblau der kleinen Enziane im Frühjahr. Beide Pflanzen gehören zu derselben Familie. Das dritte Familienmitglied der Enziangewächse ist der Fieberklee. Alle sind ausgesprochene Bitterpflanzen und genießen einen guten Ruf als große Heilpflanzen für kranke Mägen.
Leider hat die allgemeine Wertschätzung des Tausendgüldenkrautes dazu beigetragen, daß diese Pflanze stark dezimiert worden ist. Sie gehört deshalb bei uns zu den Pflanzen, die teilweise geschützt sind, d. h. das Tausendgüldenkraut darf zwar gepflückt werden, die Wurzeln zu beschädigen oder von ihrem Standort zu entfernen ist verboten.
Bei uns gibt es noch eine zweite Tausendgüldenkrautart, die jedoch seltener zu Heilzwecken empfohlen und verwendet wird. Das " Ästige Tausendgüldenkraut", Centaurium pulchellum, wird nur etwa 15 cm hoch und sein Stengel verzweigt sich schon vom Grund her (das echte Tausendgüldenkraut schließt mit einem ebenmäßigen Blütenstand ab). Es liebt besonders feuchte Standorte wie nasse Wiesen und Gräben. Auch diese Pflanze ist teilweise geschützt.

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