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WEGWARTE

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Cichorium intybus L.
Familie der Korbblütler - Asteraceae (Compositae)

Es war einmal vor langer Zeit eine Prinzessin, die hatte einen Liebsten, der so schön war wie kein anderer. Doch ihr schöner Prinz verließ sie; er stieg auf sein Pferd, ritt die Straße hinunter gen Osten und ward nicht mehr gesehen. Die Prinzessin war so traurig, sie wollte am liebsten sterben, und dann doch wieder nicht sterben, denn sie hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Jeden Morgen glaubte sie von neuem daran, daß er wieder zu ihr zurückkäme. Alle ihre Kammerzofen trauerten mit ihr, und schließlich erbarmte sich der liebe Gott im Himmel dieser traurigen Schar und verwandelte alle in schöne Blumen am Wegesrand, damit sie dort immer Ausschau nach ihm halten können. Die Prinzessin wurde eine weiße und die Zofen wurden blaue Wegwarten. Da stehen sie nun alle am Wegesrand und schauen nach Osten zur aufgehenden Sonne. Sie drehen und wenden sich, und sobald die Sonne untergegangen ist, lassen sie die Köpfe enttäuscht hängen. Doch schon am nächsten Morgen schauen neue Blüten zur Sonne.
Sie stehen noch heute da am Wegesrand, die schönen blauen Wegwarten und ab und zu eine weiße. Sie gehören noch immer zu den Wegbegleitern der Wanderer und Reisenden und weisen mit ihren Blüten zur Sonne.
Sie stehen am liebsten am Wegesrand, wie der Breitwegerich und der Beifuß. Der kleine dunkle Breitwegerich und der stolze, hochgewachsene Beifuß bieten ihre Hilfe dem Wanderer bei körperlichen Leiden an.
Die schöne Wegwarte, ganz eine Blume der Seele, erfreut und stärkt den Wanderer allein durch ihren Anblick. Doch wer hat heute schon Zeit, auf seinem Wege anzuhalten und auszusteigen, um in das blaue Blütenauge einer Blume zu schauen? Seit der Romantik, die der Blauen Blume soviel Aufmerksamkeit geschenkt hat, ist es noch einsamer um die Wegwarte geworden, und wäre sie nicht mit der kultivierten -Zichorie, einem wichtigen Kaffeeersatzmittel, verwandt, hätte man sie ganz vergessen. Unsere Vorfahren wußten noch von der Kraft bestimmter Blumen, die die Seele der Menschen heilen können. Für sie bestand eine alte Verwandtschaft zwischen den blauen Blumen und der Seele des Menschen. Die Indianer Nordamerikas wissen es noch heute. Dies wird klar, wenn sie sagen: Der Weg des Herzens und der Seele ist blau wie eine blaue Blume. Auch in unserer alten Heilkunde wurden die blauen Blumen zur Heilung von Schwermut und Melancholie verwendet. Gleichzeitig galten sie als . Heilmittel für die Augen, denn sie wirken ja übers Anschauen, über die Augen, die der tiefste Spiegel der Seele sind. Zu diesen blauen Blumen, die als Seelen- und Augenheilmittel in allen alten Quellen auftauchen, gehören Akelei, Borretsch, Verbena, Kornblume, Veilchen und Wegwarte.
Wie kann man diese Zusammenhänge zwischen Blumen und menschlicher Seele für das heutige Bewußtsein erfahrbar machen? Wie können wir unsere Sinne für die Heilkraft der Pflanzen wieder öffnen? Am Beispiel der Wegwarte ist es nicht ganz so schwer, gehen wir doch einmal zusammen hinaus und setzen uns vor eine blühende Wegwarte, am besten an einem sonnigen Tag, denn, so überliefern es uns die Alten, die Kraft der Wegwarte ist bei Sonnenschein am größten. Schauen wir ihr in die blauen Augen und lassen sie auf uns wirken. Und danach gehen wir zu einer Braunwurz oder sogar zu einem giftigen dunklen Bilsenkraut, schauen in dessen düstere Blüten und lassen diese Kraft auf uns wirken. Durch diesen Gegensatz werden wir sicher die Seelenkräfte dieser verschiedenen Pflanzen erkennen.
Der englische Arzt Dr. Edward Bach (1886-1930) war einer der ersten unserer Zeit, der die Seelenkräfte der Pflanzen wiedererkannte und sie in Heilmitteln auffangen konnte. Er hatte während seiner langen Praxis erfahren, daß Krankheiten zu einem großen Teil aus einer seelischen Disharmonie entstehen. Angst, Ungeduld, Zorn, Streß usw. machen den Körper anfällig für Krankheiten. Dr. Bach suchte nach Heilmitteln für seine Patienten, die auf diese Zusammenhänge einwirken können ohne schädliche Nebenwirkungen zu haben. Er entwickelte 38 Grundheilmittel, hergestellt aus frischen Blüten von Pflanzen, die besonders die Seelenkräfte des Menschen ansprechen. Seine Heilmittel haben inzwischen vielen Menschen helfen können. Auch die blaue Wegwarte hat in seinem Blütenrezeptbuch ihren Platz eingenommen. Um eine Pflanze mit solch einer starken Ausstrahlungskraft ranken sich natürlich viele Geschichten und Legenden. Sie würden sicherlich ein Buch füllen. Es sind die Reste einer vieltausendjährigen Tradition der Wegwarte als Zauberpflanze. In den verschiedensten Kulturen galt sie seit sehr langer Zeit als eine Pflanze mit magischen Kräften. Den ersten schriftlichen Hinweis auf die Wegwarte finden wir in einem ägyptischen Papyrustext aus dem 4. Jahrtausend vor Christus. Auch Plinius berichtet uns, daß sie bei den Ägyptern als Zauberpflanze bekannt gewesen sei. Während der Antike war die Wegwarte eine für magische Zwecke vielgesuchte Pflanze. Dieses Wissen floß dann mit dem einheimischen Wegwartenbrauchtum der Germanen zusammen und lebte das ganze Mittelalter hindurch fort.
Noch aus dem 17. und 18. Jahrhundert sind uns Zaubersprüche und Rituale um die Wegwarte bekannt. Was konnte man nicht alles mit der magischen Wegwarte machen: Liebesglück sollte sie bringen, hieb- und stichfest machen und eine Tarnkappe ergab sie, wenn sie nach einem bestimmten und langwierigen Ritual zubereitet wurde. Sie war das berühmte Kräutlein " Nimmerweh", das die guten Feen aus dem Walde den Frauen in der Not schenkten, wenn sie bei der Geburt zu verbluten drohten. Der alte Paracelsus behauptet sogar, ihre Wurzel verwandle sich alle sieben Jahre in einen Vogel. Wer kann solche Gleichnisse heute noch deuten? Vielleicht hat er damit gemeint, daß ein Heilmittel aus der Wegwartenwurzel die Schwere der Melancholie behebt und die Seele wieder leicht wie einen Vogel werden läßt.
Man kann mit der großen Zauberpflanze Wegwarte aber auch ganz " normale" Dinge anstellen, wie z. B. die Zeit ablesen. Doch das ist eigentlich schon wieder etwas Wunderbares. Vor 200 Jahren ist dem großen Naturwissenschaftler Carl v. Linne aufgefallen, daß bestimmte Pflanzen sich genau nach der Uhrzeit richten. Sie haben sozusagen ihre eigene Uhr in den Blüten. Manche Pflanzen öffnen und schließen sich zu ganz bestimmten Zeiten. Pflanzt man nun diese Blumen in der Reihenfolge im Kreis, so kann man daran die Uhrzeit ablesen. Linne pflanzte in Uppsala in Schweden die erste Blumenuhr und verwendete dafür neun Pflanzen. Das lebende Zifferblatt beginnt mit unserer Wegwarte, denn sie öffnet sich morgens zwischen vier und fünf Uhr. Schon um ca. 10 Uhr schließt sie die blauen Blüten. Für jeden, der einen Garten hat und sich gerne solch eine wunderschöne Uhr pflanzen möchte, hier noch die restlichen Pflanzen mit ihren Zeiten. Diese Zeiten schwanken natürlich etwas nach Ort, Klima und Jahreszeit. Deshalb muß jeder an seinem Uhr-Standort seine eigene Zeit einstellen.
Es öffnen sich:
die Wegwarte zwischen 4 und 5 Uhr
der Löwenzahn zwischen 5 und 6 Uhr
das Habichtskraut zwischen 6 und 7 Uhr
die weiße Teerose gegen 7 Uhr
die Falkennelke um 8 Uhr
die Ackerringelblume zwischen 9 und 10 Uhr
Es schließen sich die Blüten wieder:
der Löwenzahn zwischen 8 und 10 Uhr
die Wegwarte um 10 Uhr
die Gänsedistel zwischen 11 und 12 Uhr
die Ackerringelblume am Mittag
das Habichtskraut um 14 Uhr
die weiße Teerose um 17 Uhr
die braunrote Taglilie zwischen 19 und 20 Uhr

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